Von der Angst, im Berufsalltag zu versagen und den möglichen Folgen

In der Pflege zu arbeiten bedeutet, kranke Menschen zu pflegen und sie unter Umständen bis zu ihrem Tod zu begleiten. Auch wenn der Tod zum Leben gehört, so schwingt die Angst vor falschen Entscheidungen oft im Unterbewusstsein mit.

«Hoffentlich stirbt heute kein Patient.» Einen solchen Gedanken können sich die wenigsten von uns vorstellen. In der Pflege kann er Mitarbeitenden schon beim Aufwachen begegnen. Unser Beispiel stammt von einem Assistenzarzt im Artikel «Aufschrei junger ärzte: Zu hohe Belastung in Kliniken». (siehe 60-Stunden-Arbeitswoche. Gefahren, Folgen und was wir selbst tun können)

Wir alle kennen Ängste. Die Angst, nicht bestehen zu können, Fehler zu machen und verantwortlich zu sein für deren Folgen. In der Pflege können Fehler schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. In anderen Berufen sind typische Ängste vielleicht eher die vor einem möglichen Jobverlust und dass man aufgrund zahlreicher Mitbewerber keine neue Stelle mehr findet.

Ängste in irgendeiner Form sind in jedem Job eine Tatsache. Sie wollen vor allem eines: gehört, wahrgenommen und richtig eingeordnet werden.

Angst ist wie eine Lupe. Sie vergrössert Ereignisse und Anforderungen

Es gehört zu uns Menschen, dass wir eine Situation, ein Ereignis oder eine Anforderung auf ihre Machbarkeit hin beurteilen. Erfolg stärkt unser Selbstvertrauen, Misserfolg schwächt es.

Angst hat verschiedene Seiten. Sie schützt uns, wenn wir Risiken beurteilen und sie verhindert, dass wir uns auf etwas einlassen, das schieflaufen könnte. Sie kann aber noch mehr:

Je nach Situation und je nach unserem psychischen Befinden kann Angst ein Ereignis oder Anforderungen wie eine Lupe vergrössern. In der Folge verzerrt sich unsere Sicht auf unsere Kompetenzen und Erfahrungen.

Damit senkt sich unser Selbstbewusstsein. Und so sind wir mitten in einer Negativspirale, wo die Angst am besten wächst.

Was können wir tun?

Niemand kann objektiv beobachten oder beurteilen. Wir alle sind ein Teil unserer Beobachtungen und Beurteilungen. Eine objektive Wirklichkeit gibt es nicht, sie entsteht im Auge der jeweiligen Betrachter. (Quelle: Coaching - Beratung ohne Ratschlag, Sonja Radatz)

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Empfindungen nicht ernst nehmen sollen oder dass sie gänzlich falsch sind. Wir erleben sie als real. Doch manchmal müssen sie ins rechte Licht gerückt werden. Dazu braucht es etwas Abstand zu den Ereignissen und Anforderungen. Auch Feedbacks können unsere Sicht- und Denkweise beeinflussen.

Angst anschauen

Angst hat etwas Unberechenbares. Sie kann ganz plötzlich auftreten und uns völlig unvorbereitet überwältigen. Symptome sollen sehr ernst und gegebenenfalls mit Hilfe von aussen angegangen werden. Denn sie können in entscheidenden Momenten zu Fehlern mit grossen Folgen führen. Sie einfach wegzudiskutieren, geht nicht.

Angst darf sein. Weil sie uns sensibilisiert. Weil sie uns schützt.

Das Ziel muss sein, dass wir ihr die notwendige Aufmerksamkeit schenken.

Damit schützen wir unsere Gesundheit und die unserer Patienten.

29.6.2020, Andreas Räber, GPI®-Coach, Wetzikon