60-Stunden-Arbeitswoche. Gefahren, Folgen und was wir selbst tun können

Dass es im Gesundheitswesen an Personal fehlt, ist bekannt und leider ein seit längerer Zeit bestehender Zustand. Insbesondere Assistenzärzte kommen immer wieder ans Limit. Höchstleistungen bei voller Konzentration während Monaten, wenn nicht sogar Jahren - das geht zu weit.

«Hoffentlich stirbt heute kein Patient.» Einen solchen Gedanken können sich die wenigsten von uns zum Tagesbeginn vorstellen. Er stammt von einem Assistenzarzt im Artikel «Aufschrei junger Ärzte: Zu hohe Belastung in Kliniken» (Bayrischer Rundfunk, br.de). Es fehlt an Personal und Zeit. Dazu kommen zahlreiche Organisations- und Dokumentationspflichten. Der Assistenzarzt - der anonym bleiben und doch auf krasse Missstände hinweisen will - zeichnet im Artikel des Bayrischen Rundfunks ein düsteres Bild der Medizinalberufe. «Wirklich Zeit für den Patienten am Bett haben wir nicht» sagt der 30-jährige.

Im Artikel «Der Arzt, der ich nie sein wollte» (derstandard.at - 15.3.2018) berichtet ein Arzt des Wiener AKH, wie Patienten hocheffizient abgearbeitet würden - wie «Produkte auf einem Fliessband». «Als Arzt bist du eine Maschine» sowie «Entwertung der Medizin, Raub der Patientenwürde» schreibt er weiter.

Assistenzärzte im Gesundheitswesen - die Folgen können gravierend sein

Wir alle wissen um die Grenzen von körperlicher und psychischer Leistungskraft. Andauernder Raubbau kann schlimme Folgen haben. BR.de berichtet weiter über eine Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, welche die Belastung von Ärzten untersucht hat. Unter Beteiligung des Berufsverbandes Deutscher Internisten hat sie den Gesundheitszustand junger Ärzte in deutschen Krankenhäusern untersucht. Danach beschreiben 70 Prozent der befragten Assistenzärzte Anzeichen von Burnout. Jeder Fünfte gab an, schon einmal Medikamente genommen zu haben, um mit dem Stress klar zu kommen.»

Datenüberlastung und menschliche Bedürfnisse im Konkurrenzkampf

Kurzfristige Lösungsansätze sind dringend notwendig. Doch wo ansetzen? Kosten zu sparen und sich Zeit zu nehmen für Patienten sind zwei Ziele, die sich gegenseitig sabotieren und ohne Kompromisse nicht zu lösen sind. Wie viel Zeit benötigt man für einen Patienten? Wie viele Daten müssen erfasst werden? Bei beiden Punkten muss die Frage des «Wieviel davon ist möglich» geklärt sein. Diese Fragen können Mitarbeiter vor Ort am besten beantworten oder müssten zumindest ein Mitspracherecht bei den Vorgaben erhalten. Denn so vielversprechend zum Beispiel die Datenerfassung sein mag, sie birgt auch grosse Denkfallen in sich.

Führen zwischen Ohnmacht und Optimierungswahn

Wie viele Daten sind sinnvoll und in welcher Form sind sie am nützlichsten? Komplexität und Optionsvielfalt können in Sachen Führung überfordern. Datenflut und Algorithmen vermitteln ein trügerisches Gefühl von Kontrolle. Ingo Rademacher, Informatiker und Unternehmensberater, schreibt im Artikel «Die neuen Denkfallen» (Managermagazin März 2019):

«Alles hängt mit allem zusammen - nicht linear, sondern in verwickelten Netzstrukturen mit vielfältigen Wechselwirkungen und Feedback-Schleifen. Die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung? Kaum überschaubar, schwer absehbar. Sachverhalte sind allenfalls teilweise durchschaubar, langfristige Entwicklungen können einen plötzlich ungeahnten Verlauf nehmen. Mit Planbarkeit und Beherrschbarkeit können Führungskräfte nicht mehr rechnen.» Wir sind definitiv im Zeitalter der Algorithmen-Hörigkeit angelangt. «Das ‘Mehr’ an Optionen erscheint uns immer weniger als Gewinn oder ‘gute Gelegenheit’, sondern als das eigentliche Problem.»

Digitalisierung ja, aber sie muss dem Menschen sinnvoll dienen.

Ein kränkelndes Gesundheitswesen

Die Krux ist, dass unserem Körper klare Grenzen gesetzt sind. Wo wir über die Massen gefordert werden, kann das Unfassbare geschehen:

«Nachdem er zehn Tage gearbeitet hat, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen, starb der chinesische Arzt Song Yingjie an Erschöpfung.» (Heute.at - 6.2.2020)

Dies ist sicher ein Extrembeispiel. Doch auch im normalen Klinikalltag ist die Gefahr gross, dass es aus Übermüdung zu fatalen Fehlentscheidungen oder langfristigen Krankheitsausfällen und im schlimmsten Fall zu körperlichen und psychischen Schäden kommt. Ein kränkelndes Gesundheitswesen kommt uns alle teuer zu stehen!

Was das Schweizerische Arbeitsgesetz (ArG) zur Überzeit in Krankenanstalten sagt

Wer in einer Gesundheitseinrichtung arbeitet muss flexibel sein und mit Überzeit rechnen. Das schweizerische Arbeitsgesetzt hat für diese Ausnahmesituationen klare Arbeitsbedingungen für Krankenanstalten festgelegt:

Gemäss Artikel 7 Abs. 2 ArGV 2 (in Kraft seit 1. Januar 2010) dürfen die Arbeitgeber einzelne Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sieben aufeinanderfolgende Tage beschäftigen, sofern:

Die tägliche Arbeitszeit im Zeitraum der Tages- und Abendarbeit (vgl. Art. 10 ArG) nicht mehr als neun Stunden beträgt, die wöchentliche Höchstarbeitszeit im Durchschnitt von zwei Wochen eingehalten wird (das Überschreiten der wöchentlichen Höchstarbeitszeit in der einen oder anderen Woche gilt in diesem Fall nicht als Überzeit im Sinne von Art. 12 ArG) und unmittelbar im Anschluss an den siebten Tag mindestens 83 aufeinanderfolgende Stunden frei gewährt werden.

Diese Bestimmung ermöglicht sowohl die Verlängerung der Arbeitswoche bei Tages- und Abendarbeit als auch bei Nachtarbeit. Bei Nachtarbeit darf das Tagessoll über 9 Stunden liegen (vgl. Art. 10 Abs. 2 ArGV 2).

Bei Nachtarbeit ohne Wechsel mit Tagesarbeit gilt diese Bestimmung nicht.

Die gesamten Sonderbestimmungen des ArG für Krankenanstalten und Kliniken finden Sie hier: seco.admin.ch

Was Arbeitgeber tun können

Oft suchen wir in Stresssituationen nach einem schnell wirkenden Wundermittel. Dabei gibt es viele bereits bekannte Massnahmen, die - in kleinen Schritten umgesetzt - nachhaltige Wirkung zeigen können. Investieren, um längerfristig zu profitieren.

Organisationsstrukturen anpassen, neue Fachkräfte ausbilden (Quereinstieg vereinfachen?), Veränderungen einleiten, es braucht viel Zeit. Die nachfolgenden Tipps sind als Denkansätze gedacht, die vielleicht bereits umgesetzt werden oder in Planung stehen (wenn ja, würden wir uns über Feedback zu den gemachten Erfahrungen sehr freuen). Die Ansätze:

Ungewissheit fördert Unsicherheit. Sicherheit steigert die innere Motivation und äussere Ruhe. Wer sich sicher fühlt, kann den persönlichen Stress senken und in hektischen Zeiten kompetenter reagieren. Basis dafür ist zum Beispiel eine möglichst flexible Organisation und ein Netzwerk an zusätzlichen Hilfskräften und einfachen, hilfreichen Tools für (siehe auch hospital-pool.ch) die Personaleinsatzplanung. Klare Verantwortungsstrukturen und laufende Begleitung von Arbeitnehmern (fordern und fördern) sind zeitintensiv, was sich mittelfristig jedoch auszahlt. Sicherheit beruhigt nicht nur uns selbst, unsere Innenwelt prägt auch die Aussenwelt positiv.

Menschen arbeiten effizienter, wenn sie gehört und wahrgenommen werden.

Was Arbeitnehmer tun können

Stress nimmt einen negativen Einfluss auf unsere Denk- und Entscheidungsfähigkeit. Kein Brunnen kann Wasser spenden, wenn keines nachfliesst.

Wir sind uns selbst auch Patient und müssen uns ein akzeptables Mass an Aufmerksamkeit schenken!

Doch wie kann man im Stress und in den nicht planbaren Herausforderungen auch noch zu sich selbst Sorge tragen? Oftmals lässt uns die Praxis einfach keinen Spielraum. Die nachfolgenden Tipps sollen mehr als Reminder und als Ermutigung dran zu bleiben, verstanden werden.

  1. Von Hermann Hesse stammt das Zitat:

    «Es wird immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.»

    Mit einer externen Vertrauensperson reden, tut gut. Das Gefühl endlich gehört und verstanden zu werden, setzt neue Kräfte frei. Selbst auftanken ist das eine. Das andere ist sich gegenseitig ermutigen. Ein Mensch kann mit Stress viel besser umgehen, wenn er gehört wahrgenommen wird.

  2. Im Alltagsstress vergessen wir oft unsere gemeinsamen Stärken. Ein starkes Team aber kann sich abgrenzen und auf seine Stärken setzen. Miteinander statt gegeneinander. Siehe auch die nachfolgenden humorvollen drei Videos «The Power Of Teamwork»: Youtube. Ein von gegenseitigem Respekt und Gleichwertigkeit geprägtes Teamwork, kann eine starke Auswirkung auf die Lebensqualität im Job haben.
  3. Auch mittels eines Hobbys kann man aus dem Berufsalltag ausbrechen - so simpel dies klingen mag. Das Geheimnis liegt auch hier in der konsequenten, regelmässigen Umsetzung in kleinen, machbaren Schritten. Am Anfang fühlt es sich vielleicht unpassend oder gar falsch an. In Stresssituationen können uns unsere Empfindungen Streiche spielen und Signale vermitteln, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Manchmal müssen wir unsere Sichtweisen und Gedanken regelrecht umprogrammieren, damit wir schädliche Muster durchbrechen können.
  4. Im Stress kann man nie alles erledigen. Schon gar nicht perfekt erledigen. Es hilft, wenn wir unseren Blick am Ende des Arbeitstages auf das richten, was wir erfolgreich umsetzen konnten. Wohlbemerkt: Unmögliches kann schlichtweg nicht erledigt werden.

Hinsehen und handeln

«Bis heute haben wir es auch geschafft.» «Irgendwie wird es schon gehen.» Das sind Gedanken, die sehr nützlich sein können, solange sie in einem gesunden Rahmen bleiben. Doch die eigenen Leistungsgrenzen lassen sich nicht anhaltend ignorieren. Man denke an den einen Tropfen zu viel, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Die Zukunft liegt in unserer Verantwortung. Damit unser Gesundheitswesen gesundet.

17.2.2020, Andreas Räber, GPI®-Coach, Wetzikon