Coaching-Tipp: Wie ist die Arbeitssituation für Ärzte/innen und was muss geändert werden?

Keine andere Branche lag in den letzten Monaten so im Fokus der Medien wie das Gesundheitswesen. Wie kann man mit der sprunghaft zunehmenden Anzahl Kranker und den gleichzeitig oft hohen Anforderungen umgehen? Arbeitszeit und Arbeitsklima von Ärztinnen und Ärzten unter der Lupe.

Ärztinnen und Ärzte arbeiten nicht nur viel, von ihnen wird ein hohes Mass an Flexibilität erwartet. Das hat Gründe: Krankheiten und Unfälle, wann sie ausbrechen und geschehen, sind selbst mit der besten Hochrechnung oder Statistik nicht sehr genau planbar.

Arbeitszeiten in Spitälern: Misere hält an - Umfrage vsao

Der vsao (Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte) hat im ersten Quartal 2020 eine Befragung (demoSCOPE) über die Arbeitszeiten durchgeführt. Gemäss Auswertung entsprechen die Arbeitszeiten bei 62 Prozent der Befragten noch immer nicht dem Gesetz.

So arbeitet praktisch jede zweite Person durchschnittlich pro Woche mehr als die rechtlich definierten 50 Stunden.

Die Zahl der jährlichen Überstunden ist zum Zeitpunkt der Umfrage auf 137 Stunden gesunken. Es ist davon auszugehen, dass diese Zahl mit Corona wieder zugenommen hat. Vereinzelt zeigen sich auch positive Entwicklungen. Die Vorschrift, nicht mehr als sieben Tage hintereinander zu arbeiten, zum Beispiel, wird laut Umfrage von drei von fünf vsao-Mitgliedern eingehalten.

Auffallend ist, dass 69 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Ärzte länger arbeiten als vereinbart. Im Mittel werden 2.5 der wöchentlich erbrachten Arbeitsstunden nicht erfasst -besonders jene, welche die Höchstarbeitszeit überschreiten. Eine weitere Tatsache, die langfristig zu negativen Auswirkungen führen kann.

Gelebte Überzeugung entsprechend wertschätzen

Weniger ist mehr, so lautet ein bekanntes Zitat. Wenn wir das «weniger» an der Leistungsfähigkeit von Menschen ausrichten, so ist der Wunsch nach einer 42-Stundenwoche absolut verständlich. Dem Menschen sind, unabhängig von Ausbildung und Status, Grenzen gegeben.

Jeder Kaffee und jeder Energydrink zuviel sind letztendlich nur biologische Kredite, die unseren Körper mittel- bis langfristig schwächen und die irgendwann zurückgefordert werden.

Insbesondere im Gesundheitswesen ist es wichtig, Fehler möglichst einzugrenzen, können sie doch schwerwiegende Folgen haben. Ärztinnen und Ärzte tragen eine enorme Verantwortung, der sie nur gerecht werden können, wenn Sie auch ihren eigenen körperlichen und psychischen Grenzen Rechnung tragen können.

Ärztinnen und Ärzte haben ihren Beruf aus Überzeugung gewählt. Der Bereitschaft, für kranke und verletzte Menschen Überstunden zu leisten, sollten auch faire Arbeitsbedingungen gegenübergestellt werden.

Wichtige erste Schritte: Arbeitszeitregelungen anpassen

Was kann man gegen diese Missstände tun? Dass eine Pandemie zusätzliche Leistung erfordert, ist allen klar. Doch Spardruck und Renditedenken sind eindeutig fehl am Platz. Der vsao fordert von der Politik:

  1. Genug Personal und Infrastruktur, um die Versorgungsqualität und Patientensicherheit zu gewährleisten.
  2. Dass das Arbeitsgesetz als ein Muss gesehen wird. Strengere Kontrollen und Sanktionen bei Verstössen sind erwünscht und nötig.
  3. Dass die ärztlichen Aus- und Weiterbildungen unabhängig von ausserordentlichen Lagen, Sparzwängen oder Zeitdruck gewährleistet sein müssen.
  4. Einfache und effiziente Abläufe und mehr und koordinierte Bemühungen, um unnötige Administration zugunsten der Patientenbetreuung abzubauen.

Was kann man noch tun?

Politik: Der Handlungsbedarf ist definiert. Nun ist die Umsetzung dran.

Ärztinnen und Ärzte: «Ich bin o.k.» lautet eine Aussage aus der Transaktionalen Analyse von Eric Berne. Diese positive Grundhaltung lässt mehr Gelassenheit zu, hilft, für die persönlichen Bedürfnisse einzustehen und ermöglicht auch eine bessere innere Abgrenzung.

Wir: Wir alle wünschen uns, im Notfall professionell behandelt zu werden. Das ist nur möglich, wenn genügend Potenzial vorhanden ist. Nicht jede Krankheit, jeder Unfall «muss sein». Alleine durch ein bewusstes Leben und gesunde Ernährung wäre vieles vermeidbar und ein grosser Beitrag, Engpässe im Gesundheitswesen zu verhindern oder einzugrenzen.

Quellen:

18.2.2021, Andreas Räber, GPI®-Coach, Wetzikon