Von der Wichtigkeit von Aussenmeinungen bei Patienten durch Angehörige
Im Gesundheitswesen zu arbeiten heisst, mit teils schwer kranken und schwer verletzten Menschen konfrontiert zu sein. Es geht um die richtigen Entscheidungen - und manchmal um Sekunden. Darum braucht es ein eingespieltes Team. Denn Fehlentscheide können schwerwiegende Folgen haben. Grund genug, diese Problematik hier etwas zu vertiefen.
Im Jahr 2025 ereignete sich im Kinderspital eine tragische Situation, die die NZZ im Artikel «Eltern können neu Ärzte überstimmen» (4.7.2026) aufgreift. Ärzte schickten ein einjähriges Kind mit einer bakteriellen Infektion nach Hause, obwohl die Mutter auf den kritischen Zustand ihres Sohnes hingewiesen hatte. Doch ihre Bedenken wurden laut NZZ-Bericht als hysterisch abgetan. Für das Kind kam schliesslich jede Hilfe zu spät. Es starb.
Problematik Hierarchie und Kommunikation
Der Sozialwissenschaftler und Autor Edgar H. Schein greift in seinen Büchern «Humble Inquiry» und «Prozess und Philosophie des Helfens» die Problematik von Hierarchie und Kommunikation auf. Schein selbst hatte Einblick in die Entstehung grosser Katastrophen, z. B. Nuklearunfällen, welchen meist eine schlechte Kommunikation innerhalb der Teams und deren Hierarchie zu Grunde lag. Ausserdem erhielt er dadurch, dass seine Frau an Brustkrebs erkrankte, einen tiefen Einblick in das amerikanische Gesundheitswesen. Auch da fiel ihm als Sozialwissenschaftler entsprechend viel Potenzial im Bereich der Kommunikation und Teambildung auf. Das Erschreckende:
Falsch verstandene und gelebte Hierarchie und Kommunikation können über Leben und Tod von Menschen entscheiden …
Hierarchie verhindert Offenheit
Arzt 1 erklärt nach einer erfolgreichen Operation, wie wichtig ihm die Unterstützung durch sein Team sei. Er nennt alle Mitglieder beim Namen und betont die Teamarbeit. Die Teammitglieder werden gesehen und verstehen sich als Teil eines Ganzen. Übersieht der Arzt während einer Operation etwas, wird er durch sein Team darauf hingewiesen.
Arzt 2 erklärt nach einer Operation, dass es ihm als aussergewöhnliche Fachkraft gelungen sei, eine schier unlösbare OP erfolgreich umzusetzen. Sein Team erwähnt er mit keinem Wort. Im Vorfeld sucht er sich bewusst Teammitglieder aus, die ihn als Führungskraft nicht hinterfragen. Der Erfolg gehört ihm allein, Niederlagen hingegen schiebt er gerne weiter.
Aufgeben und Stolz können fatale Folgen haben
Wahrscheinlich ist allen klar, von welchem Team sie operiert werden möchten. Denn im Team 2 ist das Leben der Patienten potenziell gefährdet, weil sich die Teammitglieder nicht trauen, den Arzt auf eventuelle Fehler und Versäumnisse hinzuweisen. Diese Haltung mag für die meisten von uns seltsam klingen.
Laut Edgar Schein waren es genau solche Haltungen und Denkweisen, die die nuklearen Katastrophen ermöglicht hatten. Untergebene Mitarbeitende hatten es aufgegeben, ihre Vorgesetzten auf Mängel hinzuweisen. Sie fühlten sich nicht mehr gehört oder wertgeschätzt.
Mit fatalen Folgen …
Umdenken und eine offene Fehlerkultur zulassen
Laut Edgar Schein muss die Philosophie des Helfens in Teams eingeübt werden. Die Teammitglieder müssen im Vorfeld ihre eigene Rolle definieren, verstehen und als wertvoll einschätzen können. Jedes Mitglied hat seine Stärken und Interessen. Wenn es sich dort einsetzen kann, wird das Team enorm gestärkt.
So wächst die Bereitschaft, zum Beispiel bei einer OP, mitzudenken. Mit einer entsprechend höheren inneren Präsenz.
Jegliches «Müssen» eines Teammitglieds wirkt sich auf den gesamten Teamspirit aus. Unsicherheiten und mangelnde (aus innerem Rückzug) oder missverständliche Kommunikation sind die Folgen.
Vertrauensaufbau
Führungskräfte können eine positive Teambildung unterstützen, indem sie auch neben der Arbeit vielleicht mal ein unkompliziertes Treffen (z. B. gemeinsames Essen) organisieren. Alle Beteiligten bestimmen selbst, was und wie viel sie von sich erzählen und welche persönlichen «Fenster» sie für andere öffnen wollen. Anlässe wie diese ermöglichen einen Vertrauensaufbau.
Je besser man sich im Team kennt, desto mehr nimmt man einander wahr und versteht sich gegenseitig.
Aussensicht respektieren und überprüfen
Im Jahr 2021 starb die 13-jährige Engländerin Martha Mills an einem septischen Schock. Sie hatte sich im Krankenhaus eine Infektion zugezogen. Ihre Mutter hatte wiederholt Besorgnis über den schlechten Zustand ihrer Tochter geäussert. Ein Gutachten stellt fest, Martha hätte wahrscheinlich gerettet werden können, wenn sie früher auf die Intensivstation verlegt worden wäre. (Quelle: NZZ)
Aus diesem tragischen Fall entstand Martha’s Rule. Ein Konzept, bei dem Eltern ihre Bedenken äussern und gehört werden. Auch das Kinderspital Luzern hat nun dieses Konzept eingeführt. In England verbucht es bereits Erfolge.
Jede siebte klinische Überprüfung zwischen September 2024 und April 2026 führte zu einer lebensrettenden Änderung in der Behandlung ...
Das sind über 600 Fälle in eineinhalb Jahren. Inzwischen werden Hinweise durch Angehörige ernster genommen.
In Luzern sieht es anders aus
In der gleichen Zeitspanne haben in Luzern zwei Elternpaare von Martha’s Rule Gebrauch gemacht. Eine Anpassung der Pflegemassnahmen war nicht notwendig. 40 Elternpaare hätten jedoch das Gespräch gesucht, weil sie sich nicht gehört fühlten.
Dies zeigt, dass ein Bedürfnis nach Kommunikation für Angehörige wichtig ist und dass das Schweizer Gesundheitswesen fachlich gut aufgestellt ist. Martin Stocker, Chefarzt des Kinderspitals, spricht im NZZ-Artikel von starren Hierarchien und alten Rollenbildern, die in vielen Fällen dazu führten, dass Patienten und Angehörige zu wenig ernst genommen würden. Er plädiert darum für ein Umdenken.
Medical Gaslighting
Die Schweizerische Patientenorganisation wird regelmässig zum sogenannten Medical Gaslighting kontaktiert. Das bedeutet:
Ärzte nehmen Patienten und Angehörige oft bewusst oder unbewusst nicht ernst. Sie bagatellisieren, spielen Symptome herunter oder schieben es auf die Psyche. Medical Gaslighting ist nicht selten. Die Schweizerische Patientenorganisation spricht von mehreren Hundert Hinweisen pro Jahr und einer grossen Dunkelziffer.
Problematik: meine Welt, deine Welt
Medizinisches Fachpersonal will vulnerable Menschen zurück in ihren Lebensalltag führen. Dazu haben sie einen Auftrag, der sich immer weiter weg von der Begegnung mit Menschen hin zu administrativen Arbeiten verändert. Auch der Kostendruck, ausgelöst durch Aktionäre und Regierung, nimmt immer stärker Einfluss auf die Beziehungsqualität, die letztendlich erst Authentizität ermöglicht.
Patienten haben Schamgefühle und wollen oft nicht zur Last fallen. Nehmen sie doch deutlich wahr, wie gestresst das Gesundheitspersonal ist. Es ist für das Personal unmöglich, Menschen unter den genannten wirtschaftlichen Vorgaben zu erfassen und zu verstehen. Anders die Angehörigen. Sie kennen ihre «Pappenheimer» und wissen, wenn jemand nicht zu sich steht. Das ist eine völlig andere Ausgangslage.
Darum dürfen die Wichtigkeit und die Hinweise von Angehörigen nie unterschätzt werden!
Martha’s Rule ist eine längst notwendige Massnahme, um das Wohl der Patienten – darum geht es ja eigentlich – zu gewährleisten. Und dieses Wohl lässt uns auch schneller gesunden.