Binden die intensiven Behandlungen im letzten Lebensjahr Fachkräfte?

Wenn die Gesundheitskosten jährlich steigen, stöhnen wir alle auf. «Nicht schon wieder! Hört das denn nie auf?!», entfährtso denken wir es uns - und dass nicht ganz zu unrecht. Auf die angekündigten Kostensteigerungen folgen in der Regel umgehend Reaktionen aus der Politik und aus der Presse. Gesucht werden Gründe für den erneuten Kostenanstieg. Als möglicher Grund eine der Ursachen wird auch das letzte Lebensjahr von Patient:innen erwähnt, das viele Fachkräfte durch die aufwäendige die Betreuung und Operationen viele Fachkräfte an sich bindet. Wir schauen genauer hin.

Es ist nicht überraschend, dass uns unsere Lebensqualität medizinisch viel kosten kann – zumindest, wenn wir unser Lebensende immer mehr hinauszögern wollen. Besonders das letzte Lebensjahr von Patient:innen gilt als eines der aufwändigsten, was die Pflege betrifft. Es liegt auf der Hand: Wer immer schwerer krank ist, braucht mehr Betreuung. Also Pflegepersonal reduzieren? Das hätte beträchtliche Konsequenzen.

Abwanderung von Pflegefachkräften führt zu höherer Sterblichkeit

Dass sich die Schweiz gerne im Ausland mit Fachkräften bedient, ist bekannt. Besonders die angrenzenden Länder wie Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien können davon wohl ein Lied singen. Wenn sich wertvolles Pflegepersonal zu einer neuen, vielleicht lukrativeren Stelle in einem benachbarten Ausland aufmacht, hinterlässt es eine Lücke. Im Gesundheitswesen können Lücken vulnerable Menschen gefährden. Dass dies tatsächlich so ist, zeigt eine Studie auf.

Es trifft wie so oft die Schwächsten

SRF.ch berichtet im Beitrag «Studie: Deutsche sterben eher – weil Pflegende hierher kommen» von einer Studie im Auftrag des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Ifo-Instituts zu grenznahen deutschen Krankenhäusern an der Grenze zur Schweiz.

Die Mortalität in diesen Kliniken sei um 4,4 Prozent gestiegen, heisst es im Beitrag von SRF.ch. Die Autoren kommen zum Schluss, dass sich der – durch den Pflegefachkräftemangel bedingte – Rückgang von notwendigen medizinischen Eingriffen vor allem auf ältere Patient:innen sowie auf Notfälle mit einer erhöhten Sterberate auswirkte.

Auffallend ist, dass die Sterblichkeit bei Erkrankten mit einer Sepsis (um 11,6 %) beziehungsweise einem Herzinfarkt (um 17,7 %) extrem anstieg.

Die Kliniken des Landkreises Lörrach beanstanden, dass in der Studie nur ein Faktor, nämlich die Sterblichkeit durch Abwanderung, berücksichtigt wird. Dieser Faktor liege zwar auf der Hand, sei aber sicher nicht der einzige.

Die Studie berücksichtigt nur Daten bis 2017.

Faktor «Pensionierung der Fachkräfte»

Im Faktenblatt «Medizinische Grundversorgung und Fachkräftemangel» vom Bundesamt für Gesundheit verweist das BAG auf die Prognose des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan). Dort hält Obsan fest, dass «sich der Fachkräftemangel ohne weitere Massnahmen weiter verschärfen wird», und nennt dazu drei Gründe.

1. Pensionierung von Pflegefachkräften

Fast die Hälfte der in Praxen tätigen Hausärzteschaft ist heute 55 Jahre oder älter und damit nahe am Pensionsalter. Einige sind bereits älter, arbeiten aber länger.

Auch im Pflegebereich werden bis 2029 voraussichtlich 23 Prozent der Pflegekräfte pensioniert werden. Beim Pflege- und Betreuungspersonal der Sekundarstufe sind es 19 Prozent der Arbeitskräfte. Diese Zahl erhöht sich noch, wenn man die frühzeitigen Berufsausstiege dazu nimmt. Laut Prognose wird insgesamt ein Drittel der Fachpersonen fehlen.

Auch bei der Ärzteschaft wird es in verschiedenen Fachgebieten wie der Hausarztmedizin, der Psychiatrie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Kinder- und Jugendmedizin zu Fachkräftemangel kommen.

Faktor «Zunahme von älteren Patienten»

Bessere Betreuung und bessere Medikamente führen dazu, dass die Gesellschaft in sogenannt entwickelten Ländern insgesamt älter wird. Im Umkehrschluss treten auch schwer zu behandelnde und potenziell tödliche Krankheiten wie Krebs oder demenzielle Erkrankungen häufiger auf.

Hier stellt sich die durchaus berechtigte Frage: «Erfolgt der Einsatz von Ressourcen am Lebensende effizient?»

Je nach Land und Versicherungsdeckung liegen die Gesundheitskosten am Lebensende 5- bis 13-mal über dem Durchschnitt, insbesondere was den Kostenanstieg betrifft. Die Ressourcenfrage betrifft sowohl die Medikamente als auch die Bindung von Fachkräften.

Viele Faktoren und Einflüsse führen zu Fachkräftemangel

Im PDF «Fachkräftemangel gefährdet das System», Seite 4 (PDF) von dialog.css.ch wird der Mehrbedarf an Pflegepersonal bis 2029 und 2035 aufgezeigt. In der Tertiärstufe sind dies 67 Prozent und in der Sekundärstufe 80 Prozent. Es werden also Zehntausende Fachkräfte fehlen, insbesondere Pflegefachpersonen und medizinische Grundversorger.

Standardisierung und Optimierung der Arbeitsabläufe

Angesichts dieser düsteren Prognosen sind wirksame Massnahmen gefragt. Zum Beispiel die Standardisierung und Optimierung von Abläufen. Dem muss gegenübergestellt werden, dass diese Massnahme am ehesten bei der Produktion von Dingen, z. B. von Lebensmitteln oder Maschinen, möglich ist. Kranke Menschen wie «Maschinen» oder Objekte zu behandeln, fördert den Gesundungsprozess keineswegs! Hier stellt sich die Frage, ob kranke Menschen im psychischen Bereich nicht auch durch freiwillige und professionelle Seelsorger:innen begleitet werden könnten.

Erfahrungsgemäss gibt es vor allem im administrativen Bereich viele Leerläufe, die nicht sein müssten. Das heisst, das Pflegepersonal sollte sich nicht mehr – oder nur noch in geringem Masse – mit dem zeitfressenden Bereich der Administration beschäftigen müssen. Grosse und berechtigte Hoffnung liegt in der Künstlichen Intelligenz, die repetitive Arbeiten übernehmen kann.

Gesucht sind die richtigen Fragen und mutige Antworten dazu

Zurück zur Frage nach den hohen Kosten und der intensiven Pflege im letzten Lebensjahr: Lässt sich diese Frage wirklich durch Politik oder gesunden Menschenverstand klären? Es geht um Betroffene, und damit irgendwie um uns alle. Es geht darum, dass Menschen würdig und möglichst ohne Schmerzen sterben können. Vielleicht müssten wir dieses Fenster etwas mehr öffnen und die palliative Pflege besser integrieren.

Es sind viele Fragen. Fragen, die unangenehm sind. Die uns herausfordern. Wir müssen uns ihnen stellen. Auch als Patient:innen. Es ist nicht richtig, den Ärzt:innen die schweren Entscheidungen zu überlassen. Es ist die Aufgabe von uns allen, uns mit dem Lebensende zu beschäftigen. Und unserer Gesundheit Sorge zu tragen. Präventiv tätig zu sein.

Damit helfen wir nicht nur uns selbst, sondern auch dem Gesundheitswesen.

24.8.2026, Andreas Räber, Enneagramm Trainer Cp, Wetzikon