Pflege: Auftrag mit mangelnder Unterstützung
Wer in der Pflege arbeitet, möchte vulnerablen Menschen helfen. Das ist nicht nur sinnvoll, es ist ein Grundauftrag der Menschen - von Anfang an. Manchmal geht es nicht anders, als dass wir kranke und verunfallte Menschen unterstützen - oder dass uns geholfen wird. Vieles kann durch Familie oder Freiwilligenhilfe abgedeckt werden. Doch schwere Verletzungen und Krankheiten brauchen entsprechende Kompetenzen: Fachkräfte mit qualifiziertem Wissen. Das alleine reicht jedoch nicht.
Wissen ist äusserst wichtig, es verschafft uns wertvolle verstandesmässige Kompetenzen. Doch Wissen allein ist nicht alles. Es reicht nicht, etwas verstandesmässig zu erfassen. Theorie und Praxis sind zwei unterschiedliche Disziplinen. Die Qualität der Theorie zeigt sich erst in der Praxis. Geht es auf? Ist etwas umsetzbar oder gibt es noch Mängel?
Eine Theorie macht in der Regel Vorgaben. «Wenn, dann ...» oder «Wenn nicht, dann ...». Alles sauber geklärt, festgelegt und bereit zur Umsetzung.
Die Praxis ist manchmal jedoch so brutal anders. Was in Ruhe erdacht wurde, muss vielleicht innert Sekunden entschieden werden.
Die Praxis lebt von den Kompetenzen und dem Vertrauen der beteiligten Personen. Im Gesundheitswesen bedeutet dies: Leben kann erhalten werden, Menschen können wieder in ihr autonomes Leben zurückkehren und es selbst gestalten.
Fundiertes Wissen ist absolut notwendig und Regeln legen wichtige Abläufe fest. Gibt es aber zu viele Regeln, können diese den reibungslosen Ablauf behindern. Auch dort, wo es eben schnell gehen muss.
Im hektischen Berufsalltag reagieren können
Wer im Gesundheitswesen arbeitet, weiss, dass manchmal Sekunden entscheiden, ob ein einzigartiges und einmaliges Leben gerettet werden kann.
Dazu braucht es Bedingungen, die schnelle Entscheidungen und Handeln unterstützen. Auftrag, Voraussetzungen und Inventar müssen im Einklang sein. Das Gegenteil dieser Balance ist moral injury. Im Falle des Gesundheitswesens bedeutet dies:
Den Erwartungen und Anforderungen fehlt die nötige Unterstützung.
Auswirkungen von moral injury
Der Auftrag ist klar. Fachlich und ethisch definiert: so muss es sein. Ist es aber oft nicht!
Ein Hauptgrund: zu wenig Personal. Im Klartext bedeutet dies, unter extremem Zeitdruck verletzte oder kranke Menschen versorgen zu müssen.
Zurück bleibt jedes Mal eine Unsicherheit: «Haben wir das Richtige getan? Haben wir alles getan, was wir konnten?»
Das sind Fragen, mit denen sich gewisse Berufspersonen während ihres ganzen Berufslebens auseinandersetzen müssen. Staatsanwältinnen wird nachgesagt, dass das Wissen, Schuldige womöglich nicht verurteilt und vielleicht Unschuldige ins Gefängnis gebracht zu haben, sie teilweise bis ans Lebensende beschäftigt. Diese latente Ungewissheit, was wirklich war.
Diese Frage, dieses Gefühl ist da und es lässt sich schlecht wegprozessieren.
Je mehr Stress Ärztinnen und Pflegepersonen ausgesetzt sind, desto höher ist das Risiko für Ermüdung und Fehler und desto geringer die Möglichkeit sich gesund abgrenzen zu können.
War da nicht …
… eine Pflegeinitiative?
Die Signale waren klar und deutlich, die Schweizer haben die Pflegeinitiative angenommen. Der Weg von der Annahme bis zur Umsetzung ist jedoch unerträglich lang. Dass sich so wenig tut, ist – zurückhaltend ausgedrückt – mangelnde Wertschätzung.
… eine gesellschaftliche Grundüberzeugung?
Aus Gesundheit wurde ein Businessmodell. Statt einen Auftrag gewissenhaft umzusetzen, stehen neu Kosten und Gewinnorientierung von Aktionären im Fokus.
Herausforderungen fördern Konflikte
- Patient X kommt ins Spital. Er hat Symptome, macht sich Sorgen um seinen Zustand, hat schlecht geschlafen und steht enorme Ängste aus. Die Folge: höhere Sensibilität und mehr Erwartungen.
- Pflegefachkraft B und Arzt C sind völlig übermüdet, haben einen 12-Stunden-Tag hinter sich. Die Folge: weniger Belastbarkeit, weniger Geduld und Leistung.
Das sind schlechte Voraussetzungen für einen optimalen Gesundungsprozess. Und auch dafür, wertvolles Fachpersonal halten zu können.
Überforderung und Angst begünstigen Kurzschlusshandlungen und Gegenangriffe.
Was oft bleibt, ist die Kündigung. Die Flucht aus diesem System, das sich schon seit längerer Zeit selbst sabotiert. Und das Personal, das bleibt, gibt alles, weil es die Patienten nicht sich selbst überlassen will. In der Folge finden die Entscheidungsträger in der Politik: «Es geht ja...»
Gefährliche Folgen
Im Artikel «Das System selbst verletzt die Pflegenden» auf Medinside.ch nennt der Pflegefachmann, Rechtsanwalt und Leiter Rechtsdienst beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), Pierre-André Wagner, Folgen dieses überforderten Systems.
- Chemotherapien, die in zwei statt 24 Stunden verabreicht werden
- Verwechslung von Medikamenten in Kinderkliniken, wo drei Diplomierte für 16 Kinder zuständig sind
- Teams in der Onkologie, die völlig auseinanderbrechen – mit der Folge, dass frisch ausgebildete Pflegefachleute alleine übernehmen müssen
Aktuell wird das System mit ausländischem Personal und Temporärkräften am Laufen gehalten. Ausnutzen, so lange es geht? Alles auspressen, weil die wichtigen Aufgaben nicht gemacht werden oder die Falschen das Sagen haben?
Das Schwierigste ist, zu verstehen, warum diese Missstände von der Politik so lange toleriert werden. Dass es auch anders geht, zeigt Thurmed .
Vieles wäre so viel einfacher, würde erprobtes, wertvolles Praxiswissen mehr priorisiert.