Neue Denk- und Handlungsweisen im Gesundheitswesen
Vom Autopionier Henry Ford lernen wir, dass wir durch eingespielte Abläufe viel Zeit gewinnen können und - wirtschaftlich gesehen - produktiver werden. Mehr erreichen in der gleichen Zeit. Das geht dann nicht mehr, wenn sich gewisse gesellschaftliche Voraussetzungen grundlegend verändern. Dann braucht es neue Denk- und Handlungsweisen. Neue Perspektiven. Was dies für das Gesundheitswesen bedeuten könnte, zeigen wir hier auf.
Das Gesundheitssystem ist defizitär und es fehlt an Fachpersonal. Dies nicht erst seit gestern oder vorgestern, nein, schon seit einigen Jahren. Gründe sind zum Beispiel mehr Gesundheitsbewusstsein (mehr Arztkonsultationen), falsche politische Ansätze (z. B. Verzögerung der Umsetzung der Pflegeinitiative), Mehrinvestitionen durch technologische Weiterentwicklungen (KI) etc.
Dass Gesundheit kostet, ist uns allen klar. Dass es so viel sein muss, dagegen wehren wir uns. Der Unmut in der Bevölkerung zu steigenden Krankenkassen-Kosten ist gross. Zu Recht. Also greift die Politik ein, deren Vertretern leider oft das entsprechende Praxis- und Fachwissen fehlt – mit den entsprechenden Konsequenzen. Zum Beispiel, dass sich viel Pflegepersonal umschulen lässt und den Gesundheitsbereich verlässt.
Reformen sind aufwändig
Reformen führen zwar zu Veränderungen, doch wird ihnen oft zu wenig Zeit für die Umsetzung gegeben, müssen doch langjährig eingespielte Abläufe angepasst werden. Veränderungen sind immer schwierig. Nicht nur in der Pflege, sondern überall, wo Menschen arbeiten.
Mit jeder Reform steigt der administrative Aufwand und weil die Zeit oft zu knapp ist, werden Patientendaten auch schon mal über den datenschutz-unsicheren Instant-Messing-Dienst WhatsApp versendet. In der Not fallen nun mal gewisse Regeln – leider auch enorm wichtige.
Gesamtüberblick behalten
Wo viele Möglichkeiten sind, gibt es mehr Gesetze und in der Folge auch mehr entsprechende Berater. Und so liegt der Fokus der Reformen leider allzu oft auf Details. Das Wichtigste, der Gesamtüberblick, bleibt im Hintergrund.
Das Gesundheitswesen ist wie der Bau eines öffentlichen Gebäudes. Viele Bedürfnisse und Interessen führen zu einer enormen Komplexität und damit zu hohen Kosten. Und das alles mit Unternehmen, die zum Teil mit Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Sprachen arbeiten.
Dabei ist ein Gesamtüberblick unersetzlich!
Was ist für die gesamte Schweizer Bevölkerung hilfreich?
Wir Schweizer lieben unsere Freiheit, und Gesetze «von oben» empfinden wir oft als Eingriff in unsere Privatsphäre. Deshalb vielleicht auch unser «Kantönligeist»: selber schauen, selbst entscheiden. Schliesslich kennen wir unseren Markt.
Föderalismus ist eine Stärke. Doch in bestimmten Situationen können Stärken auch Schwäche bedeuten ...
Das Ziel im schweizerischen Gesundheitswesen muss sein, die Administration zu vereinfachen. Damit Pflegende den Fokus wieder auf ihre Kernaufgabe, die Pflege von vulnerablen Menschen, legen können. Das bedeutet: regionale Bedürfnisse, Anreize für Spitäler, Investitionsentscheide, Versorgungsmodelle und Planungsprozesse etc. müssen reflektiert, sich untergeordnet und/oder neu gedacht werden.
Soll eine Veränderung umgesetzt werden, braucht es die Kooperationsbereitschaft aller Parteien.
Fokus Patient
Es erstaunt, wie wenig die eigentlichen Protagonisten dieses Diskurses, die Patienten, in diesem Entscheidungsfindungen berücksichtigt werden. Im Vordergrund stehen politische und finanzielle Interessen.
Das ist umso erstaunlicher, weil sich sämtliche Entscheidungen auf alle Parteien auswirken, am stärksten trifft es jedoch die Schwächsten: die Patienten.
Das Gefühl, ausgeliefert zu sein oder etwas ausbaden zu müssen, ist in Zeiten von Krankheit oder Unfall denkbar schlecht und hemmt den Gesundungsprozess. Hier braucht es das Wissen, gut aufgehoben zu sein. Vertrauen zu können.
Veränderungen ja, aber ...
Zurück zu Henry Ford und seinen Abläufen. Wer reformieren will, muss genügend Zeit einrechnen. Abläufe müssen sich neu einspielen. Das erfordert eine offene Haltung. Sowie Personal, das über eine gewisse Zeit im gleichen Spital arbeitet und dazu bereit ist.
Das Beispiel EFAS
EFAS bedeutet «Einheitliche Finanzierung von Ambulant und Stationär». Das Ziel von EFAS ist es, mit neuen Finanzierungsregeln den Administrationsaufwand im Gesundheitswesen gesamtschweizerisch zu reduzieren. Klare Strukturen. Einheitliche Verrechnung. Kantönligeist ade! Das klingt vielversprechend. Doch EFAS hat, wie üblich bei neuen Gesetzen oder Produkten, auch Nachteile.
Wichtig ist es darum, dass EFAS nicht als perfekte Lösung verstanden wird, sondern als Start zu einer Lösung, die eine Entlastung des Gesundheitswesens bewirkt.
Dazu braucht es eine offene Kommunikation, Anlaufstellen für Feedbacks aller Art und die Bereitschaft, die Praxis über strukturelle und wirtschaftliche Interessen zu stellen.
EFAS mag ein rein administratives Tool sein, es beinhaltet jedoch auch die Chance, durch Zusammenarbeit, und Kommunikation Mitsprache bei der Gestaltung des zukünftigen Gesundheitswesens zu bekommen.
Das Gesundheitswesen geht uns alle an
In all den Diskussionen geht oft verloren, welch wichtigen Beitrag Herr und Frau Schweizer selbst leisten können. Wer sich schon nur regelmässig bewegt, mehr als sieben Stunden schläft und auf eine gesunde Ernährung setzt, fühlt sich in der Regel wesentlich besser.
Eigenverantwortung für unsere Gesundheit wahrnehmen nützt ausnahmslos allen. Uns und auch dem Gesundheitswesen.