Von der wichtigen Balance zwischen Beruf und Privatleben
Wir Menschen sind so gestrickt, dass wir uns nach Möglichkeit einen Beruf oder einen Job suchen, der unsere Werte und damit auch uns selbst erfüllt. Für diesen Job setzen wir uns ein, oft auch überdurchschnittlich. Letzteres fällt uns leichter, wenn gewisse Rahmenbedingungen stimmen. Ist das Gegenteil der Fall, leidet auch unsere Leistung. Über die Balance zwischen Beruf und Privatleben.
Wir haben Tage, da sind wir zufriedener als an anderen. Meistens sind das diejenigen, an denen wir unsere persönlichen, mehr oder weniger bewussten Tagesziele erreicht haben und unsere Erwartungen erfüllt wurden. Um diese Ziele zu erreichen, brauchen wir Kompetenzen wie auch ein realistisches Zeit- und Finanzbudget.
Die Machbarkeit von Herausforderungen ist enorm wichtig für unsere Motivation.
Doch die Realität sieht oft anders aus. Unrealistische Ziele, zu knappe Terminvorgaben und nicht selten fehlende Unterstützung. Mit der Konsequenz, dass wir mit dem andauernden Gefühl leben, «allem» hinterher zu rennen.
Wenn das Gefühl des Scheiterns schon am Anfang präsent ist, sieht jede noch so einfache Aufgabe so aus, als könnten wir sie nie erfüllen.
Am Ende - oder eben bereits am Anfang - leidet unter solchen Bedingungen zuerst unsere psychische und später unsere körperliche Gesundheit oder umgekehrt.
Das Ziel von unserem Job
Menschen wollen an der Gemeinschaft teilhaben. Sie wollen ihre Ideen und Kompetenzen nützlich und sinnstiftend einbringen und etwas bewirken können. Insbesondere im Gesundheitswesen geht es darum, vulnerable Menschen zu unterstützen und/oder zu begleiten. Vulnerabel zu sein bedeutet, eine grosse Herausforderung. Deshalb ist Empathie für den Gesundungsprozess sehr wichtig.
Der Ist-Zustand im Gesundheitswesen
Seien wir ehrlich: Praktisch in jedem Beruf nimmt der Stress kontinuierlich zu. Obwohl wir mit praktischen KI-Tools arbeiten können, wird immer mehr - oft auch zum Alltag und Beruf unpassende Aufgaben - in ein Jobprofil hineingepackt.
Immer wieder glauben wir daran, all diese Anforderungen erfüllen zu können bzw. müssen.
Und so greifen wir des öfteren zu einer zusätzlichen Dosis Koffein oder anderen Stimulanzien, damit wir weiter funktionieren. Schliesslich brauchen uns kranke oder verletzte Menschen. Ist dieser Zustand absehbar, ist das meist kein Problem. Er darf einfach nicht zur Normalität werden.
Dann fühlen wir am Abend/Nachmittag/Morgen nach dem «Mehr» statt Erfüllung nur eine nie enden wollende Leere.
Die Studie «Erwerbsarbeit, Privatleben, Gesundheit» von der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigt auf, welchen Einfluss die drei genannten Bereiche aufeinander haben.
Erkenntnis der Studie: Hoher Zeitdruck, fehlende soziale Wertschätzung und unklare oder widersprüchliche Vorgaben fördern unseren Stress.
Eine weitere Erkenntnis: Stress im Privatleben beeinflusst die Arbeitsqualität im Job und umgekehrt. Wenn berufliche Anforderungen das Privatleben beeinträchtigen, wird das als schlimmer empfunden.
Der Umgang mit Stress ist eine Frage der Ressourcen
Es setzt sich so vieles in unseren Gedanken fest, wenn wir nur noch funktionieren. Am Limit zu laufen steigert die Angst, zu versagen und den Job zu verlieren. «Ich kann doch die Patienten nicht im Stich lassen!» «Wenn ich gehe, sind meine Kollegen noch mehr am Limit.»
Das sind alles berechtigte Hinweise. Was tun? Sich selbst vernachlässigen und nur noch liefern steigert die Gefahr von Fehlern und Fehlentscheiden. Das darf nicht sein. Es braucht die Bereitschaft für ein Umdenken und Handeln von allen Beteiligten.
Die erwähnte Studie kommt zum folgenden Fazit:
Arbeitnehmer
- Klare Kommunikation. Frühzeitig nach Unterstützung fragen. Erste Ansprechpersonen sind Vorgesetzte, dann die HR-Abteilung und sonst externe Fachstellen.
- Notieren Sie sich im Vorfeld, welche Abläufe, welche Aufgaben etc. für Sie belastend sind. Lösungsansätze müssen für Sie als Betroffene wirklich entlastend sein. Bestehen Sie auf einen klaren Terminplan. Veränderungen müssen messbar sein. Zu viele angesprochene Massnahmen verlaufen oft im Sand.
- Wo möglich, gestalten Sie Ihre Arbeitsprozesse selbst.
- Zeitdruck lässt sich nur durch das Setzen von Prioritäten reduzieren.
Arbeitgeber
- Feedbacks ernst nehmen und angehen
- Belastungen reduzieren
- Wertschätzung steigern
- Handlungsspielräume erweitern
- Vorbildrolle: zeigen, wie gesundes Arbeiten gelingen kann
Veränderungen leben von Konfrontation
Jegliche Veränderung beginnt mit Menschen, die auf Missstände hinweisen.
Die Argumente sammeln und die zuständigen Stellen immer wieder darauf ansprechen. Temporäre Schwankungen gibt es in einem Bereich wie dem Gesundheitswesen immer wieder. Doch sie dürfen nicht dauerhaft, sie dürfen nicht Alltag werden.
Die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen haben in den letzten Jahren zu viel erlebt. Dabei darf es auf keinen Fall bleiben!