Vom "Ist" und "Wunsch" der Löhne im Gesundheitswesen

Was ist ein gerechter Lohn im Gesundheitswesen? Diese Frage wird vor allem seit Corona immer wieder thematisiert. Auch die Pflegeinitiative verlangt eine bessere Entlöhnung des Personals. Dem gegenüber stehen Pressemeldungen, wie überrissen die Löhne gewisser Ärzten sind. Was bedeutet also ein gerechter Lohn? Ein Denkansatz.

Leo ist Assistenzarzt. Laut dem "Lohnbuch Schweiz" verdient er etwas über 8'000 Franken pro Monat, plus 13. Monatslohn. Melanie ist Hebamme und erhält zirka 6'800.- Franken, ebenfalls mit 13. Monatslohn. Auf den ersten Blick verdienen Assistenzärztinnen monatlich also gut 1'200 Franken mehr als Hebammen, obwohl beide ähnlichen Voraussetzungen, wie beispielsweise der unregelmässigen Arbeitszeit, ausgesetzt sind.

Die vertragliche Arbeitszeit bei Leo ist jedoch bei 50 Stunden pro Woche angesetzt, bei Melanie sind es 42 Stunden. Berücksichtigt man diese Zahlen, verdient Walter auf einmal ziemlich genau gleich viel wie Ruth.

Die vertragliche Arbeitszeit ist ein Faktor, um Löhne zu vergleichen, der für eine objektive Bewertung ebenfalls berücksichtigt werden muss.

Kriterien für die Lohnhöhe

Welche Kriterien dienen im Gesundheitswesen dazu, die Lohnhöhe festzulegen? Da sind zum Beispiel:

  • Ausbildung
  • Arbeitszeit
  • Alter
  • Berufserfahrung
  • Spezialisierung
  • Angebot und Nachfrage
  • Verantwortung

Angebot und Nachfrage sowie die Frage der Verantwortung sind schwer zu quantifizieren. Das ist ein grundsätzliches Problem, wie es auch der Bundesrat schon aufgrund der Interpellation von Maya Graf, Ständerätin der Grünen, aufgeführt hat. (Quelle: "Trotz Fachkräftemangel: Löhne im Gesundheitswesen steigen nur schwach" medinside.ch)

"Laut dem Bundesrat hängt die Lohnentwicklung nach Branchen von zahlreichen Faktoren ab, die sich im Einzelnen nicht präzise bestimmen liessen." Zudem ist der Bundesrat auch nicht für die Löhne im Gesundheitswesen zuständig.

Diese Antwort nennt die Problematik der "präzisen Bestimmung" beim Namen.

Gefühlte Kriterien, innere Logik

Was ist eine gerechte Entlöhnung? Natürlich kann man sich an diversen Kriterien, wie oben beschrieben, ausrichten. Muss man sogar.

Doch ist beispielsweise eine Ausbildung nur das eine. Das andere ist, wie sich die Mitarbeitenden weiterentwickeln.

Also braucht es nebst der Ausbildung auch eine Bewertung, die die aktuelle Leistung berücksichtigt. Ist dies nicht der Fall, greift unter Umständen unsere innere Logik. Will heissen, wir geben uns auch nicht mehr sonderlich Mühe.

Wir alle haben ein Gerechtigkeitsgefühl, das schon in unserer Kindheit geprägt wurde. Besonders wer Geschwister hat, spürte und beurteilte schon früh, ob etwas gerecht ist oder nicht.

Manchmal geht es gar nicht nur darum, dass alle möglichst viel verdienen möchten, sondern darum, dass einige wenige viel zu viel verdienen. Im gleichen Boot, zu gleichen Bedingungen zu sein, fühlt sich sofort viel stimmiger an.

Ein Blick auf ein paar Beispiele zeigt, das Fairness nicht nur im Gesundheitswesen oft fehlt.

Vergleiche und das Gefühl von Fairness

Ein Bundesrat verdient laut parlament.ch (2023) pro Jahr 472'000 Franken plus 30'000 Franken Spesen. 20Min.ch zeigt im Artikel "Das sind die bestbezahlten CEOs der Schweiz", wie viel UBS-Boss Sergio Ermotti (15 Mio), Vasant Narasimhan, Novartis (14, 2 Mio) und Flemming Ørnskov, Galderma (19 Mio) verdienen. Auch im Sport, insbesondere im Fussball, werden Spitzensaläre entrichtet.

Es ist müssig, nach Gründen zu suchen, warum Bundesräte, die ein ganzes Land zu regieren haben, so viel weniger verdienen als die anderen aufgeführten Personen bzw. die letzeren so viel mehr. Vieles lässt sich schlichtweg nicht erklären.

Die Auswirkungen auf die Bevölkerung hingegen sind alles andere als positiv. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer grösser und lässt sich niemals (!) rechtfertigen.

Wie kann es sein, dass einzelne Menschen einen Lohn erhalten, der, gemessen am gängigen Lebensstandard, inkl. Wohlstand, dermassen unverhältnismässig hoch ist!

Im Gesundheitswesen geht es um das Wohl von uns allen. Es geht um Präsenz, um Wissen, manchmal um Sekunden. Was ist uns Gesundheit wert?

Was bedeutet ein gerechter Lohn?

Studien zeigen auf, dass nicht der Lohn alleine Grund für die Erfüllung in einem Beruf ist.

Es geht um die gemeinsame Vision, um das Team, um den ideellen Wert eines Jobs.

Im Buch "Dschungelkind" erzählt die deutsche Autorin Sabine Kuegler von ihrer Kindheit, die sie mit ihren Eltern und Geschwisternbeim Stamm der Fayu in West Papua verbrachte. Unterschiedliche Kulturen trafen aufeinander, die sich gegenseitig beobachteten und viel voneinander lernten. Die sich gegenseitig bekriegenden Fayu fanden nach Jahren Frieden und bekämpften sich fortan nicht mehr. Ein ganzes Volk hat sich verändert. Als Sabine in die Schweiz in ein Internat kam, fragten die Fayu deren Eltern:

"Wie geht es Sabine? Ist ihr Herz glücklich?"

Sie fragen nicht nach Beruf, Status oder Besitz, sondern nach Glück im Herzen.

Wahrscheinlich haben die Fayu begriffen, dass sich der Reichtum eines Menschenlebens nicht an Geld misst, sondern an echten und tiefen Beziehungen.

In ihrer besonderen Lebenssituation im Dschungel ist die Gemeinschaft überlebenswichtig. Auf der einen Seite ist die Verbundenheit gross, auf der anderen hat sich der Einzelne dem Wir unterzuordnen.

Die Sache mit unserem Wohlstand

Wenn es um Kürzungen, Steuererhöhungen oder Investitionen geht, greift die Politik gerne zum Argument unseres Wohlstands, den wir um jeden Preis erhalten müssen. Wie genau sich dieser Wohlstand definiert, wer wie viel "Recht" darauf hat, bleibt sie uns meistens schuldig. Tatsache ist, dass er in der Schweiz recht hoch definiert ist.

Meiner Erfahrung nach sind die Bedürfnisse für materiellen Wohlstand bei Menschen, die echte, tiefe Beziehungen leben, tiefer als dort, wo es vielleicht an solchen Beziehungen fehlt.

Ein unbefriedigendes Beziehungsumfeld kann dazu führen, dass wir dieses Manko anders aufzufüllen erhoffen. Mit Geld oder mit Macht - mit Werten also, die uns nicht wirklich erfüllen, sondern immer mehr einfordern.

Alle Mitarbeitenden - ob im Gesundheitswesen oder in anderen Branchen - sollten so viel verdienen, dass sie sorglos davon leben können. Unserer ganzen Gesellschaft täte es gut, wenn die Schere zwischen Arm und Reich weniger gross wäre. Doch wie oft sind Arbeitnehmende vom Goodwill eines Betriebs abhängig.

Das soll uns nicht daran hindern, den wahren Reichtum des Lebens zu spüren und zu leben: Beziehungen.

4.9.2025, Andreas Räber, Enneagramm Trainer Cp, Wetzikon