Unser Gesundheitswesen und seine (fehlenden) Perspektiven
Arbeiten im Gesundheitswesen bedeutet in der Regel, vulnerable Personen während ihres Gesundungsprozesses professionell zu unterstützen. Es bedeutet auch, Einsicht in sehr sensible Daten zu erhalten. Und es bedeutet, auf relevante Informationen angewiesen zu sein, übersichtlich gestaltet und schnell erreichbar. Denn oft geht es um Minuten. Und immer um Leben. Um die richtigen Entscheide. Die Ziele wären eigentlich klar, so könnte man denken. Doch im Gesundheitswesen mangelt es zurzeit an vielem. Zum Beispiel an Datensicherheit. Nicht aber an überlastetem Personal. Warum das so ist, zeigen wir.
Wenn man krank ist oder verletzt, geben einem mangelnde Datensicherheit und überlastetes Personal nicht gerade Hoffnung und vertrauenswürdige Perspektiven. Und beides ist für den Genesungsprozess äusserst wichtig!
Stellen Sie sich vor, Sie sind im Spital. In Ihrem Zimmer befinden sich noch weitere Patienten. Zu einem dieser Patienten kommen nach einander zwei verschiedene Assistenzärzte und erzählen ihm völlig Widersprüchliches zu seinem Gesundheitszustand. In der Folge sind alle Patienten, die dies in diesem Zimmer mitkriegen, verwirrt.
Es ist ein Beispiel, das aufgrund von überlastetem Personal erfolgt. Zeitdruck, Stress, mangelnde Absprache und fehlende bzw. unübersichtliche oder veraltete Krankheitsdaten.
Wir sehen genauer hin.
Grund 1: Unser Arbeitsleben verändert sich - immer schneller!
Tiefere Kosten, weniger Personal und immer höhere Leistungsziele - und das in einem Bereich, der so gar nichts mit Leistung zu tun haben sollte. Dass anfallende und vor allem auffällige Kosten überwacht werden müssen, leuchtet ein, denn das Gesundheitswesen verspricht für viele Geschäftsideen lukrativ zu sein. Denn solange es Menschen gibt, wird es gebraucht.
Dies führt zu zwei Entwicklungen:
- Geschäftslösungen sind überteuert. Das Gesundheitswesen ist trotz hohem Preis auf diese Leistungen angewiesen (z. B. Temporärangestellte von spezialisierten Personalvermittlungen).
- Die Kosten überborden und rufen die Politik auf den Plan. Plötzlich muss vieles digitalisiert und erfasst werden.
So werden aus ambitionierten Pflegefachkräften neu demotivierte und überforderte Mitarbeiterinnen mit einem steigenden Anteil an administrativem Aufwand. Letzteres war bei der Berufs- und Karriereplanung aber kein Thema.
Es geht dem Pflegepersonal, damals wie heute, vor allem um Menschen und deren Unterstützung im Gesundungsprozess.
Doch nun nehmen die administrativen Arbeiten zu. Das Controlling findet immer mehr Kennzahlen, mit denen die Leistung gemessen werden kann. Mit der logischen Konsequenz, dass sich der Pflegeberuf noch mehr zum visionsfremden Controlling verändert.
Wenn die Anforderungen zu hoch bis unrealistisch sind, leidet alles in der Umsetzung.
Grund 2: Hektik führt zu Datenunsicherheit
Im Artikel "Mangelnde Datensicherheit und überlastetes Personal schwächen das Gesundheitswesen" der NZZ vom 12.3.2025erzählen zwei Ärzte ganz offen, dass sie Patientendaten über WhatsApp verschicken. Grund: um Zeit zu sparen. Die NZZ schreibt weiter:
"In der allgemeinen Hektik und Überlastung kümmere dies niemanden. Das lässt aufhorchen: Verstösse im Umgang mit Patientendaten gehören offenbar zur akzeptierten Routine."
Der Austausch von den logischerweise sensitiven Patientendaten müsste aber eigentlich über das Health-Info-Net (HIN) erfolgen. Da dieses bisher sehr anfällig für Cyberkriminalität war, wurde im 2023 der sogenannte HIN-Vertrauensraum geschaffen, eine Art privates Internet für das Schweizer Gesundheitswesen. Ein vom öffentlichen Internet abgeschotteter digitaler Raum.
Vernetzte medizinische Geräte und Applikationen sollen, laut Theorie, im HIN zuverlässig und sicher betrieben werden können.
High Tech bleibt verwundbar
Die NZZ zeigt mehrere Schwachstellen auf:
Magnetresonanztomografen (MRT), zum Beispiel, sind besonders verwundbar. 2017 wurden in England mit der Ransomware-Attacke "Wannacry" Krankenhäuser mit 200'000 Computern befallen. Ihr Ziel waren die radiologischen Apparate wie eben auch das MRT.
Die meisten von uns kennen das Internet oder das Intranet. Doch es gibt auch kleinere Netzwerke. Diese radiologischen Apparate sind alle mit den Spitalsystemen vernetzt, um Daten und Bilder in Echtzeit übertragen zu können. Die NZZ nennt die sogenannte OT-/IT-Konvergenz, also die Integration von Systemen der Betriebs- und der Informationstechnologie, die Hackern ständige Angriffsmöglichkeiten bietet. Auch in Schweizer Spitälern stehen MRT-Geräte. 250 an der Zahl.
Es sind so viele Dinge, die Politik und Spitäler "tun sollten" und die wichtig und dringend sind.
Mit der Technologie entwickeln sich auch Hacker weiter. Doch der Druck für Gesundheitsbetriebe, schnell zu sein, ist hoch. Die Zeit, um moderne Arbeitserleichterungen einzuführen und Mitarbeitende zu schulen, fehlt.
Es muss schnell gehen. Immer schneller. Dabei schaden wir uns selbst am meisten.
Schnell muss auch die Reaktion bei einem Cyberangriff sein. Die Herausforderungen werden immer vielseitiger und komplexer. Steigende Anforderungen, viele Neuerungen, wenig Personal - das sind Zustände, wo auch die "letzten Mohikaner im Pflegedienst" Prioritäten setzen und sensitive Zugangsdaten preisgeben.
Wer würde da nicht ebenso handeln...
Grund 3: Burnout-Diagnosen im Gesundheitswesen doppelt so hoch wie in anderen Berufsgruppen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Bereits 2014 sollen in einer repräsentativen Umfrage des Verbands der Schweizer Assistenz- und Oberärzte 33 Prozent aller Befragten angegeben haben, dass sie schlicht "nicht mehr können". 8 Jahre später sind es schon 52 Prozent.
Man muss nicht medizinisch ausgebildet sein, um zu erkennen, dass dies gefährliche Entwicklungen sind, auch für Patienten - und nicht weniger für das Pflegepersonal. Ob Controller bei Fragen um Budgets und Gewinn diese Zahlen wohl beiziehen und berücksichtigen?
Das Herausforderndste aber ist die Tatsache, dass die demografischen Entwicklungen, die das Gesundheitswesen betreffen, zu einem grossen Teil vorhersehbar waren!
Ein Gesundheitswesen fit zu halten, kostet Zeit und Geld. Hier auf hohe Gewinne zu pochen, ist sehr fragwürdig und fördert eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Der eigentliche Gewinn wären doch gesunde Menschen. Finanziell reicht es, wenn die Kosten und die wichtigen anstehenden Investitionen gedeckt werden.
Während Umstrukturierungen auf finanziellen Gewinn zu pochen, ist unmenschlich!
Wie geht es weiter mit dem Gesundheitswesen?
Dass immer mehr Pflegefachkräfte ihrer ursprünglich beruflichen Vision den Rücken kehren, kann aktuell nicht gestoppt werden. So zeigen es aktuelle Zahlen.
Logisch! Warum sollten sie dort bleiben, wo ihnen wichtige Werte abhanden kommen? Wo andere sich auf Ziele statt auf die Wirklichkeit fokussieren und das auf Kosten von Gesundheitspersonal und Patienten.
Wir sind drauf und dran, immer mehr in eine Unterversorgung zu rutschen. Die NZZ nennt drei Entwicklungen:
- Im stationären Bereich ist vor allem das Pflegepersonal betroffen, regelmässig werden Bettenstationen geschlossen.
- Im ambulanten Bereich fehlen insbesondere Haus- und Kinderärzte sowie Psychiaterinnen
- Schon heute nimmt jede dritte Praxis keine neuen Patienten mehr auf.
Folge: Unterversorgung und Wartefristen
Irgendwann landen wir bei ähnlichen Zuständen wie in England. Dort hat das Gesundheitssystem den Notstand ausgerufen. Will heissen:
Notaufnahmen verschärften ihre Triage. Medizinische Massnahmen werden priorisiert, wenn die vorhandenen Ressourcen nicht ausreichen. Das Personal muss kurzfristig entscheiden, wer eine lebensrettende Behandlung erhält und ...
Die Folgen: Millionen von Menschen warten tagelang auf Akutbehandlungen und unter Umständen
monate- bis jahrelang auf eine Operation. Eine solche Ausgangslage wird für die Schweiz auf 2029 erwartet. Wenn die Babyboomer pensioniert werden. Dann trifft ein zunehmender Bedarf auf einen immer grösseren Mangel.
Auch hier bringt es die NZZ auf den Punkt:
"Selbst wenn die Medizintechnik sicherer wird und künstliche Intelligenz Entlastung bringt, ist klar: Motivierte Ärzte und Pflegende bleiben die unentbehrlichen Stützen einer leistungsfähigen Gesundheitsversorgung."
Gewinnorientierung oder Menschlichkeit. Es ist längstens Zeit, wieder mehr echte Werte zu fördern!