Rotgrünes Ampellicht für die Digitalisierung im Gesundheitswesen
Eigentlich, so denken wohl nicht wenige, sollte die Digitalisierung dem Gesundheitswesen viel Arbeit abnehmen. Zumindest im administrativen Bereich. Doch irgendwie scheint da die Handbremse angezogen zu sein. An attraktiven Ideen fehlt es jedoch nicht. Erste werden bereits umgesetzt. Und sie lassen berechtigte Hoffnungen aufkommen. Für das medizinische Fachpersonal wie für Patienten. Vom digitalen Weg mit seinen Perspektiven und Hürden im Gesundheitswesen.
Schreiben wir zuerst über attraktiven Perspektiven wie Patient@Home. Ziel dieses Projekts ist es, Patienten in akuten Situationen zuhause zu behandeln. Richtig: zuhause. Damit will man
a) einen Spitalaufenthalt vermeiden, wenn Monitoring und Versorgung auch zuhause möglich sind und
b) Patienten früher entlassen, wenn sie klinisch stabil genug sind und die Überwachungen von zuhause aus stattfinden kann.
Diese Idee startete mit einer Machbarkeitsstudie, die vom Spitalzentrum Biel (SZB) und der Berner Fachhochschule lanciert wurde.
Was nach «zuhause behandeln» klingt, ist jedoch nur bedingt so. Zumindest für die Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachpersonen aus Gesundheitsbetrieben.
Eine Betreuung zuhause wäre zu aufwändig. Aber in Zusammenarbeit von Spital und ambulanten wie häuslichen Diensten – und mit entsprechenden Kommunikationsmöglichkeiten – möglich.
Die Sicherheit der Heimbehandlung wird so erhöht, Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsdienstleistern werden ermöglicht und verbessert, das Spital wird entlastet und ganz wichtig:
Der Wunsch vieler Patientinnen und Patienten – sowie oft auch deren Angehörigen – nach einer Behandlung zuhause wird erfüllt.
Laut der erwähnten Machbarkeitsstudie sind die Voraussetzungen für dieses Behandlungsmodell erfüllt.
Herausforderungen: Schnittstellen, Technik und Kommunikation – und Kosten
Um diese Ziele von Patient@Home erreichen zu können, braucht es eine für alle Teilnehmenden kompatible und sichere IT-Infrastruktur. Spitex und Spital müssen folglich eine gemeinsame Informationsplattform haben, die diese wichtige Voraussetzungen ermöglicht. Eine an sich einfache Anforderung, die jedoch an Kosten und Anreizmodellen scheitern kann.
Das amerikanische Capitation- oder Kopfmodell
Auch weltweit werden bereits solche Ideen umgesetzt. So wird zum Beispiel versucht, mit einem Netzwerk von Dienstleistern – dem sogenannten Capitation- oder Kopfmodell – die optimale Versorgung für Patienten zu erzielen. Ressourcen werden dabei ziemlich sparsam eingesetzt. Das Gute: Es werden keine unnötigen Untersuchungen durchgeführt. Was in der Folge zu einer Unterversorgung der Patienten führen kann.
Das Pilotprojekt Réseau de l'Arc - die erste integrierte Gesundheitsorganisation
Was ist das Réseau de l'Arc genau? Nichts anderes als Gesundheitsleistungen aus einer Hand: Prävention, hausärztliche Grundversorgung, Spitalleistungen und häusliche Pflege. Dies ermöglicht eine individuelle Betreuung von Patienten sowie eine bessere Koordination zwischen den verschiedenen Leistungserbringern. Alles zusammen ergibt eine effizientere medizinische Behandlung.
Welche Gesundheitsbetriebe sind im Réseau de l'Arc mit dabei? Es sind die Spitalstandorte Moutier und Saint-Imier, mehrere Medicentres und das Medizinische Zentrum Biel sowie ein ambulantes und stationäres Netz für psychische Gesundheit, ein Ambulanzdienst, zwei Rettungsdienste, zwei radiologische Institute, ein Zentrum für physikalische und kognitive Therapien und ein Dienst für häusliche Pflege.
Auch bei einem solchen Projekt geht es darum, Daten zu vernetzen, sie gemeinsam zu nutzen und die nötigen Informationen besser abrufen zu können.
Wir sehen, verschiedene Denkansätze und Versuche laufen, andere sind schon länger im Einsatz.
Was schon lange da ist – und was erst in der Entwicklung
Die Digitalisierung und die damit verbundene Künstliche Intelligenz sind nicht neu und werden in der Medizin schon lange angewendet. Zum Beispiel in der Radiologie, um Tumore oder Metastasen zu finden oder bei EKG-Auswertungen. Dabei geht es um Musterkennung – eine herausragende Fähigkeit von KI. Dank Sprachmodellen kommt es auch im administrativen Bereich zu Effizienzgewinnen. Und in der Bildung wird KI schon seit längerem eingesetzt.
Erste Studien zeigen, das KI sogar in akut psychiatrischen Krisensituationen einer bestimmten Gruppe von Patienten helfen kann.
Menschen mit psychischen Erkrankungen sollen dabei positive Erfahrungen mit virtuellen Avataren gemacht haben. Voraussetzung ist natürlich, dass sich die Patienten bewusst sind, einer Maschine gegenübersitzen.
Diese muss zwingend mit echten, hochwertigen Patientendaten trainiert und anschliessend wissenschaftlich geprüft werden.
Die bisherigen Anwendungen und Entwicklungen lassen hoffen. Sie erfordern ganz sicher ein Loslassen von möglichen Ängsten.
Doch es gibt durchaus auch kritische Punkte.
Gefahren von Künstlicher Intelligenz
KI ist so gut, wie die von ihr verwendeten Trainingsdaten. Diese können leider verzerrt sein. Die Leistung der KI muss also seriös überprüft und am besten zertifiziert sein. Überhaupt ist die Nachvollziehbarkeit der Resultate ausgesprochen wichtig. KI darf keinesfalls ein Buch mit sieben Siegeln sein.
Die Hoffnung lebt - trotzdem
Es geschieht einiges. KI wird immer mehr integriert, wenn teilweise auch nur in kleinen Schritten. Bestimmt wäre Integration bei administrativen Tätigkeiten schneller umsetzbar und würde das medizinische Fachpersonal massiv entlasten.
Weiter braucht es seitens der Politik Unterstützung. Es müssen Gelder gesprochen werden, um diese Entlastungsmöglichkeiten schnellstmöglich zu integrieren.
Man ist dran, am Entdecken. Mehr Mut, Geld und vor allem konkrete Schritte ermöglichen mehr Erfahrungen. Denn KI wird kommen. So oder so.
Deshalb ist es gut, schon heute mit dabei zu sein.