Der Pflegeberuf - weit weg und doch so nah

Pflegeberuf: Kein anderer Beruf ist aktuell in den Medien so präsent. Nicht etwa als Würdigung, sondern aus der Tatsache heraus, dass immer mehr Pflegepersonen am Limit sind, ein Burnout erleiden, sonst krank werden und schliesslich kündigen. Immer mehr fangen wir an zu begreifen, dass wenn wir selbst uns plötzlich in Spitalpflege begeben müssten, wir auf eine Grundversorgung treffen würden, die unter Hochdruck steht. Kein gutes Gefühl! Vielleicht sollten wir einmal vorbehaltlos hinschauen, wie wichtig kompetente Pflege ist und dass sie uns durchaus mehr wert sein darf.

Laut dem Bundesamt für Strassen (ASTRA) sind im Jahr 2020 1644 Personen zu Fuss verunfallt, 5327 mit dem Velo, 3565 mit dem Motorrad und 7605 mit dem Auto. Das sind etwas über 18'000 Menschen. Wir müssen hier von einer unvollständigen Statistik ausgehen. Anders gesagt: Erfasst sind alle Menschen, die zum Arzt gingen oder eine Gesundheitsorganisation nach ihrem Unfall aufsuchten. Hier nicht erwähnt sind alle Krankheitsfälle.

«Aber es kommen auch immer mehr Patienten mit der Haltung: Ich habe mein Leben lang so viel für die Krankenkasse bezahlt, und jetzt rennt ihr nicht sofort für mich?! Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen dem, was wir bieten können und den Ansprüchen, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Patienten und Angehörige wollen Sicherheit und sind empört, wenn nicht innerhalb von zwei Stunden eine Diagnose da ist. Und das sind noch die Patienten, die wissen, was sie tun . . .» (Salome Reichenbach, 29, Pflegefachfrau)
Quelle: «Und jetzt kann ich nicht mehr atmen. Ich kann nicht mehr atmen»: Darum brennen so viele Pflegefachleute aus, NZZ.ch - 23.11.2021.

Leben life im Pflegeberuf

Ein 14-Jähriger, der von der Brücke sprang, immer noch akut suizidgefährdet, der die Drainage aus dem Kopf reissen will und immer schreit. Auch Menschen mit Hirnblutungen sind sehr belastend. Verletzte, seit zwei Jahren viel mehr Kranke und Tote, Not, Trauer, Stress und kein Ende in Sicht. Die von der NZZ porträtierte Pflegefachfrau Salome Reichenbach arbeitet in einem 90-Prozent-Pensum auf der Überwachungsstation. Da werden Patienten die erste Zeit nach einer Operation betreut, aber auch Schwerverletzte nach Autounfällen oder Menschen nach Suizidversuchen.

Die Leistung der Pflegefachleute ist für mich sehr beeindruckend! Für einen Grossteil der Schweizer Bevölkerung vermutlich auch. Aber genügt dieser Respekt? Ein Rückblick auf zwei Jahre Corona zeigt: Applaus und Respekt sind vorhanden und doch verschlimmert sich die Situation in Spitälern und Psychiatrien.

Wieviel Ahnung haben wir vom Gesundheitswesen?

Für die meisten von uns ist das oben beschriebene Szenario fremd. Im Jahr 2020 waren in der Schweiz 5,09 Millionen Personen arbeitstätig, davon 95'000 diplomierte Pflegefachpersonen. Die seit Corona unter Hochdruck arbeiten. Seit Corona? Wurde nicht bereits vorher die «Kostenwahrheit» seitens der Politik eingeführt?

Wir alle kennen Stresssituationen in unseren Jobs. Die wenigsten davon enden (Gott sei Dank!) tödlich.

Der Alltag in Gesundheitswesen und Pflege ist für die meisten von uns genauso weit weg wie Amerika oder China.

Salome Reichenbach erzählt im NZZ-Artikel von einem Patienten, der früher in einer Position war, in der er Gelder für das Gesundheitswesen sprechen konnte.

«Was er tat, hatte direkte Konsequenzen für unseren Job. Und da lag er nun bei mir in der Abteilung und stellte mir Fragen, die zeigten, dass er keine Ahnung von meinem Job hatte. Ich dachte zuerst, er verarsche mich. Ich musste mich zurückhalten, um ihm keine Vorwürfe an den Kopf zu werfen. Er hatte eine riesige Operation hinter sich, es wäre nicht professionell gewesen.»

Solche Erkenntnisse lösen, man kann es nicht anders sagen, Wut aus. Berechtigte Wut!

Wer Menschen aus der Pflege kennt...

... geht anders mit ihnen um. Zeigt Verständnis und weiss, dass in einem Beruf, wo Menschen behandelt und begleitet werden, unmenschliche Arbeitsverhältnisse herrschen. Vielfach sind wir uns ganz einfach nicht bewusst, was der Pflegeberuf alles beinhaltet.

Das ist völlig o.k., wenn es nicht bei dieser Entschuldigung bleibt und wir uns aktiv fragen, welche Beiträge wir zur Entlastung und Wertschätzung im Gesundheitswesen leisten können. Und dann auch entsprechend handeln.

Pflegefachleute pflegen durch Übernahme von Verantwortung

Jeder Mensch hat seine eigene innere Logik und Wahrheit. Für die einen ist Aufstehen um fünf Uhr morgens früh, für andere normal. Aus solch eigener Logik entsteht unsere eigene Gerechtigkeit. Mit ihr gestalten wir unseren Alltag, posten in Sozialen Medien und stufen den Wahrheitsgehalt von Nachrichten ein. Wir sind der Mittelpunkt unserer Welt.

Wo können wir selbst wichtige Beiträge leisten? Wir, die wir (noch) gesund sind und vielleicht in Jobs arbeiten, in denen die Arbeitszeit einigermassen geregelt ist und die Entlöhnung stimmt?

Veränderung beginnt mit Umdenken. Mit kleinen Schritten. Mit Respekt, Fairness und Rücksichtnahme. Mit dem Bewusstsein, dass das höchste Gut in Gesundheitseinrichtungen Mitarbeitende aus Überzeugung sind. Das wäre ein wichtiger Anfang, bei dem es aber nicht bleiben darf.

Denn Pflegefachleute sollten auch von uns «gepflegt» werden!

2.12.2021, Andreas Räber, GPI®-Coach, Wetzikon