Lohn für pflegende Angehörige: gute Idee mit Schwachstellen
Wenn unsere Nächsten krank werden, wenn ihre Lebensqualität eingeschränkt ist, dann ist es für uns selbstverständlich, sie so gut wie möglich zu unterstützen. Die meisten kranken Menschen möchten nach Möglichkeit zu Hause bleiben und dort gepflegt werden. In der Schweiz ist es so, dass Angehörige für die Pflege ihrer Nächsten einen Lohn erhalten. Bedingung: Sie müssen durch eine Spitex-Firma angestellt sein. Ein System mit Schwachstellen. Eine Spurensuche.
Hanspeter steht für viele andere Betroffene. Seine Mutter ist krank und sehr pflegebedürftig. Damit sie nicht ins Spital muss, hat Hanspeter die ortsansässige Spitex engagiert. Diese koordiniert sich mit der Hausärztin und mit beigezogenen Gesundheitsbetrieben.
Fachlich ist die Patientin gut versorgt. Doch es gibt noch andere Bereiche, die wichtig sind für die Lebensqualität und nicht durch medizinisches Fachpersonal abgedeckt werden.
Hier kommt Hanspeters Frau Ingrid ins Spiel. Sie erklärt sich bereit, ihr Arbeitspensum zu reduzieren und die freigewordene Zeit ihrer Schwiegermutter zu widmen. Dafür hat sie laut schweizerischem Gesetz ein Entgelt zugut.
Ein System mit vielen Vorteilen – so scheint es zumindest. Das Gesundheitswesen wird entlastet, die privaten Dienste entgolten und der kranken Frau geht es besser. Eine gute Idee, die sich in der Praxis bewähren muss und eine faire Umsetzung erfordert.
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wir schauen genauer hin.
Vom sozialen zum materiellen Wohlstand
Wer Medien konsumiert, findet dort mehr bad als good news. Und so gehen wichtige und gesellschaftsrelevante Themen wie Freiwilligenhilfe oft unter.
Unsere Urahnen lebten ganz natürliche Nächstenliebe. Hilfe von ausserhalb der Familie oder Gemeinschaft war kein Thema. Damals arbeiteten allerdings die meisten im primären Sektor, der Landwirtschaft. Ein Bauernhof mit mehreren Generationen: Arbeitsteilung war Lebensstil. Es ging um Nahrung, um Ernte und jede/r wurde gebraucht.
Das Miteinander – ich nenne es einmal sozialen Wohlstand – war unerlässlich. Obwohl es wahrscheinlich auch da nicht immer friedlich zuging.
Die Folgen der Industrialisierung
Mit zunehmender Industrialisierung kam immer mehr materieller Wohlstand. Neue Arbeitsplätze erforderten ein Umdenken und ein Umleben. Statt eines gemeinsamen Projekts hatte jedes Familienmitglied mehr und mehr ein eigenes. Mit dem zunehmenden Individualismus entfernten wir uns nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich immer mehr voneinander. Die Arbeitswege wurden länger und gemeinsame Zeiten fokussierten sich auf die Mahlzeiten.
Auch Krankheit und Sterben wurden von der Familie weg in Gesundheitsbetriebe verlagert. Sie gehören nicht mehr zum Lebensalltag und wurden uns immer fremder. Die Pflege von Angehörigen bis zu ihrem Tod ist nicht mehr selbstverständlich.
Und doch geschieht sie immer noch. Laut Bundesamt für Statistik (BfS) pflegen zirka 465’000 Menschen in der Schweiz kranke Angehörige. Diese Leistung wird von Fachkreisen auf insgesamt zirka 3 Milliarden Franken geschätzt.
Nächstenliebe ist den Bundesrichtern etwas wert
Im Jahr 2019 entschied das Bundesgericht, dass pflegende Angehörige (Verwandte, Nachbarn, Freunde) einen Stundenlohn zugute haben. Endlich! Richtig!
Es geht um die Grundpflege. Um Unterstützung oder Übernahme beim An- und Auskleiden, bei der Körperpflege, beim Essen. Es geht um die Aktivitäten des täglichen Lebens. Um alltägliche und früher als selbstverständliches Grundrecht wahrgenommene Dinge.
Werden diese Leistungen durch Spitex-Dienste übernommen oder kommt es gar zu einem Heimaufenthalt, sind die Pflegekosten enorm hoch. Oft trägt – sprich zahlt – auch die Gesellschaft mit.
Mit der Pflege durch Angehörige können diese Kosten reduziert werden. Eine gute Sache also.
Die Wirklichkeit in der Praxis
Kommen wir zu den Schattenseiten. Die Krankenkassen und die öffentliche Hand geben jährlich Millionen für Angehörigenpflege aus. Diese Beiträge stellen sich wie folgt zusammen:
- Krankenkassen bezahlen Fr. 50.- pro Stunde
- Gemeinde und Kanton Fr. 15.- bis Fr. 30.-
Gesamthaft sind dies Fr. 65.- bis Fr. 80.- pro Stunde, welche allerdings zu einer Spitex-Firma fliessen. Von diesem Betrag erhalten Angehörige lediglich Fr. 25.- bis maximal Fr. 40.-. Heisst: Für die Spitex-Firmen ist dies ein sehr lukratives Geschäftsmodell.
Die Kosten der Spitex-Firmen
Mit welchen Leistungen werden die hohe Gewinnspannen gerechtfertigt?
- Administration und Infrastruktur
- Ausbildung für die Betreuung von kranken Angehörigen
- Eine Pflegefachperson der Spitex coacht sechs Angehörige
Man geht davon aus, dass pflegende Angehörige keinen oder nur einen kurzen Anfahrtsweg haben und darum die Vergütung zu hoch ist. Der Kanton Zürich und andere Kantone haben die Angehörigenpflege bereits reduziert. Begründung: Es darf nicht sein, dass findige Unternehmen auf Kosten der Steuer- und Prämienzahler profitieren.
Richtig so. Nicht richtig ist jedoch, dass diejenigen, die ihre Angehörigen pflegen, dann noch schlechter entlöhnt werden. Kann alleine der Arbeitsweg der Grund sein, den Grundlohn von Fr. 30.30 auf Fr. 15.75 zu senken (Kanton Zürich)?
Unsicherheiten: Welche Entlöhnung ist fair?
Wie viel haben Spitex-Firmen und wie viel Angehörige für ihre Leistungen zugut? Und wie können die jeweiligen Leistungen überprüft werden? Es fehlen – wie kann es anders sein – brauchbare statistische Daten. An diesen will man sich orientieren können und hofft, so die schwarzen Schafe herauszufinden.
Für alle rechtschaffenen Anbieter und Ausführenden fühlt sich diese Denkweise wie Misstrauen an. Doch leider ist sie gerechtfertigt.
Krankenkassen melden, dass einige Spitex-Firmen bis zu 100 Stunden pro Monat verrechnen. Einige Angehörige schaffen es gar auf 300 Stunden pro Monat, was 9,5 Stunden am Tag oder 75 Stunden pro Woche bedeutet. Das wären monatlich zirka 10’000 Franken ...
Da kann doch irgend etwas nicht stimmen.
Ob es für die Stundenanzahl eine bestimmte Obergrenze geben sollte?
Offensichtliche Fehlanreize und unklare Zuständigkeiten
Entlöhnung ist richtig. Doch sollte sie fair sein und sich in einem realistischen Rahmen bewegen.
Wann verlassen wir für mehr Reichtum unsere Werte oder deuten Unrecht in Recht um? Zum Beispiel, «weil andere es auch tun»?
So kommen wir wohl um Stichproben nicht herum.
Der Bundesrat fühlt sich hier nicht zuständig. Es sei kein eidgenössisches Thema. Er erkennt zwar die Problemfelder, die Verantwortung liege aber bei den Krankenkassen und Kantonen.
Von der materiellen Denkweise zur sozialen
Die Recherche zu diesem Artikel hat mich einmal mehr in die Vergangenheit geführt. Zu der sozialen Lebensweise unserer Vorfahren und zum wertvollen Wert der Nächstenliebe.
Helfen kann zutiefst sinnstiftend sein und unsere innere Zufriedenheit stärken. Kein Geld der Welt kann dies!
Da fällt mir das Lied «He Ain't Heavy - He's My Brother» von der englischen Gruppe The Hollies ein.
Das Lied erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das einen grossen Jungen auf dem Rücken trägt. Als jemand sieht, wie sie sich abmüht, sagt er zu ihr: «Er ist doch viel zu schwer für dich!». Überrascht antwortet das Mädchen: «Nein, er ist nicht zu schwer, er ist mein Bruder.»
Ein Mitglieder der United Free Church of Scotland erwähnte diese Geschichte in seinem Buch «The Parables of Jesus».
Solche sozialen Selbstverständlichkeiten mögen uns heute überraschen. Das zeigt, wie weit wir uns von uns einander näher bringenden Werten entfernt haben.
Schlussendlich leiden die Kranken und die ehrlichen Angehörigen und Spitex-Firmen.