Das Geschäftsmodell "Pflege der eigenen Angehörigen" unter der Lupe

Manche noch so gute Idee hat die Eigenart, aus dem Ruder zu laufen. Besonders dann, wenn das Gesetz zu ungenau formuliert ist oder Lücken in Sachen Umsetzung aufweist. Gesetzeslücken werden leider allzu oft schamlos ausgenützt. Auch im Gesundheitswesen. Zum Beispiel bei der Pflege von Angehörigen. Das Wichtigste in Kürze.

Seit gut drei Jahren pflegt Hans W. seine schwerkranke Frau Hanna. Ihre Multiple Sklerose (MS) ist weit fortgeschritten. Für sie beide ist es wichtig, dass möglichst wenig fremdes Personal einspringen muss. Seit 2019 erhalten Angehörige wie Hans W. eine Entschädigung für ihren Pflegeaufwand. Hanna hat jahrelang als Lehrerin gearbeitet, doch mit der Zeit war dies immer weniger möglich.

Die finanzielle Wertschätzung tut beiden wohl. Sie hilft, das Schicksal etwas besser zu akzeptieren. Gesehen und wahrgenommen Werden tut einfach gut.

Was für Hans und Hanna W. wertschätzend ist, wird leider auch missbraucht, wie die NZZ in ihrem Artikel "Krankenkassen schlagen Alarm" vom 24.5.2025 aufzeigt.

Die wichtigsten Punkte nachfolgend im Überblick.

Startschuss für finanzielle Entschädigung dank Bundesgerichtsentscheid

Im Jahr 2019 entschied das Bundesgericht, dass Partner, Mütter, Kinder etc., die ihre Angehörigen p?egen, dafür Geld aus der Grundversicherung der Krankenkasse bekommen. Damit lassen sich Kosten in der stationären Pflege sparen. Der gute Wille ist also da und das Verständnis von Betroffenen für diese Idee bestimmt auch.

Damit Pflege auch wirklich Pflege ist, müssen sich die Angehörigen von einer Spitex-Firma anstellen lassen. Dies, um eine gewisse Aus- und Weiterbildung zu gewährleisten. Auch dieser Gedanke überzeugt. Und wie so oft, wo Gold vermutet wird, finden sich alsbald zahlreiche "Goldgräber" ein.

Aufgrund dieser Regelung wurden zahlreiche Spitex-Firmen gegründet, die um pflegende Angehörige buhlen.

Angehörige dürfen laut Gesetz die Grundpflege (Körperpflege, Hilfe beim An- und Ausziehen, Essen, Anlegen von Kompressionsstrümpfen etc.) verrechnen. Dafür zahlt die Krankenkassen Fr. 52.60 pro Stunde. Gemeinde oder Kanton leisten ebenfalls einen Betrag von ca. 20 bis 30 Franken pro Stunde.

Wie hoch ist der Aufwand effektiv?

Der grosse Haken bei der Sache ist der Zwischenverdienst der Spitex-Firmen. Der entgoltene Stundenpreis liegt bei ca. 80 Franken. Doch die Angehörigen erhalten nur 35 Franken pro Stunde. Die Differenz behalten die Spitex-Firmen. Ihr Argument: der Aufwand für die Administration und die fachliche Begleitung und Ausbildung.

Die Kosten für Personal und Aufwand sollen vergolten werden. Das ist völlig klar. Die Frage lautet, in welchem Ausmass.

Darum ist Hinsehen angesagt.

Von Gesetzeslücken zur "Goldgrube"

Ausbildung und Praxis müssen sich ergänzen. Je mehr sie dies tun, desto tiefer sollte der Aufwand sein. Sprich, durch die Regelmässigkeit sinkt auch der Aufwand. Am ehesten bei der untersten Pflegestufe.

Eine Untersuchung der Rechnungsdaten in 15 Zürcher Städten und Gemeinden zeigt folgendes Bild:

Die Leistungsforderungen durch Spitex-Firmen, die nur auf die Anstellung von p?egenden Angehörigen spezialisiert sind, haben sich von 2020 bis 2023 verfünffacht.

Neue Dienstleistungen im Gesundheitswesen können Mehrkosten auslösen. Trotzdem gilt es, genauer hinzusehen.

Wahrheit und Wirklichkeit

Wie viel Zeit benötigt man, um eine Dienstleistung zu erbringen? Dass der Aufwand von Pflegeleistungen vom Gesundheitszustand der Patientinnen und dem Wissen der Pflegenden abhängig ist, liegt auf der Hand. Doch auch hier kann man von einem gewissen Routineaufwand ausgehen.

Wenn nun die einen Spitex-Firmen einen höheren Aufwand geltend machen als andere, wirkt das verdächtig. Auch wenn diese aus der eigenen Sichtweise (Wahrheit) heraus begründet werden können.

Bekannte Beispiele sind Winterthur (zehnmal so viele Stunden pro Klient) und Zürich (fünfmal so viel).

Während die "normale" Spitex die effektiven Kosten verrechnet, verlangen neue Spitex-Firmen immer die gleiche Anzahl Stunden pro Tag - unabhängig vom tatsächlichen Aufwand.

Die Untersuchung deckt zum Beispiel Bedarfsmeldungen von 300 Stunden pro Monat auf. Das entspricht 9.5 Stunden am Tag. Bei 35 Franken pro Stunde sind das rund 10 000 Franken im Monat.

Vergleiche zeigen die Wirklichkeit auf.

Die Branche geht deshalb von einem "enormen Missbrauchspotenzial" aus. Bezahlt werden diese Kosten, wie erwähnt, von Krankenkassen, Kanton und Gemeinden. Sprich von uns allen.

Kein Wunder, entsteht Widerstand. Seitens der Krankenkassen und der Polititk.

Zu Recht!

Gefahr von steigenden Krankenkassen-Prämien

Was bewirken hohe Pflegekosten? Die es eigentlich gar nicht sein müssten. Steigende Krankenkassen-Prämien. Will heissen, viele zahlen und wenige profitieren. Das kennen wir aus der Wirtschaft zur Genüge.

Doch im Gesundheitswesen biedert eine solche Situation nur noch mehr an!

Wie viele schlecht verdienende Familien und Personen ächzen unter dem Kostendruck, nicht zuletzt aufgrund der Krankenkassenprämien, der sich in den letzten Jahren enorm verstärkt hat.

Darum fordern Politik und Prioswiss (Branchenverband der Schweizer Krankenversicherer) schnellstmöglich Anpassungen. Es braucht mehr Klarheit. Zum Beispiel, ob Angehörige oder eine professionell Pflegende die Grundpflege gemacht hat. Dies muss -Stand heute- von den Spitex-Firmen nicht angegeben werden.

Auch ein Arbeitsweg soll für Angehörige nicht entgolten werden, wohnt man ja meistens im gleichen Haushalt. Spazieren mit Pflegebedürftigen würde man so oder so. Solche Leistungen sollen nicht mehr entgolten werden.

Die Krankenkassen sehen in den Leistungen jedoch auch eine wichtige Entlastung für den Fachkräftemangel.

Dass eine finanzielle Wertschätzung angebracht ist, bestreitet niemand. Sie muss einfach angemessen sein.

Wo bleibt die Fairness?

Es gibt viele Angehörige, die weder eine Entschädigung beansprucht haben, noch davon wissen. Sie opfern meist ihre private Zeit. Für sie ist die Pflege der Eltern oder Geschwister eine Ehrensache. Man hilft einander in der Not.

Geldgier war schon immer unverschämt!

Es ist richtig, das zu beanspruchen, was man darf. Doch Gesundheit ist unsere gemeinschaftliche Verantwortung.

Menschen wie Hans und Hanna W. sind enorm dankbar. Mehr, als vom Gesetzgeber deklariert, würden sie ohnehin nicht wollen. Dafür haben sie ein Leben lang gespart. Sie wissen, eine Gesellschaft lebt in erster Linie vom Geben.

So kostet es alle etwas und doch alle am wenigsten...

27.6.2025, Andreas Räber, Enneagramm Trainer Cp, Wetzikon