Die psychische Gesundheit als Warnzeichen?!

Ende 2023 veröffentlichte das Schweizerischen Gesundheitsobservatorium OBSAN einen Bericht zur psychischen Gesundheit der Schweizer Bevölkerung. Die ernüchternden Resultate zeigen ein düsteres Bild auf. Rund ein Drittel der Schweizer leiden an psychischen Problemen. Allen voran Depressionen und Angststörungen. Und dabei sind wir Schweizer nicht die einzigen. Auch in England wurden Zahlen veröffentlicht, die aufhorchen lassen oder es zumindest müssten. Es braucht dringend neue Perspektiven! Ansätze in diesem Artikel.

Nicht alle gehen mit Herausforderungen gleich um. Das hat zum Beispiel mit Veranlagungen, mit der Familiengeschichte und mit dem Geschlecht zu tun. OBSAN stellt im genannten Bericht fest, dass etwa zwei Drittel der jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren leichte bis schwere depressive Symptome zeigen. Auch Essstörungen oder Selbstverletzungen sind in erster Linie ein Thema von jungen Frauen. Junge Männer sind hingegen besonders anfällig für einen problematischen Alkohol- oder Cannabiskonsum.

Die einen wollen sich spüren, andere wiederum nicht.

Oft geht es darum, innere Leere und fehlende Perspektiven aushalten zu können. Für einen konstruktiven Umgang mit Herausforderungen scheint es der jungen Generation an brauchbaren Möglichkeiten und leider auch an Vorbildern zu fehlen.

1. Die psychische Situation in England

Auch junge Briten leiden immer mehr unter Depressionen und Angststörungen. Sie fühlen sich nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Mitbestimmend sind auch Jugendliche aus bildungsfernen Milieus (Quelle: NZZ.ch: "Warum derart viele junge Briten nicht arbeiten"), die erst dann gesundheitliche Dienste aufsuchen, wenn ihr Zustand schon schlecht ist.

Wer will schon in der Fremde auffallen? Wer will schon Kritik an seiner Herkunft riskieren?

Erst, wenn es nicht mehr anders geht, wird zum Arzt gegangen. Und so werden die für die Psyche zuständigen Anlaufstellen zum unwiderruflichen Nadelöhr. Zudem fehlt es in England, wie auch bei uns, an Pflegefachkräften.

Facts aus England

  • Jeder zehnte erwerbsfähige Brite bezieht aus gesundheitlichen Gründen Sozialleistungen.
  • Ein Drittel der 18 bis 24 Jahre alten erwerbsfähigen Briten leidet an psychischen Erkrankungen. Diese Altersgruppe ist in diesem Bereich führend.
  • Ein Viertel aller erwerbsfähigen Engländer gilt als wirtschaftlich inaktiv - Tendenz zunehmend.
  • Premierminister Keir Starmer nennt Junge, die nicht arbeiten können, eine "verlorene Generation".Sie so zu benennen ist einfacher, als sie zu unterstützen. Und es löst keine, sondern schafft neue Probleme.

Die von der NZZ genannte Liste enthält noch mehr Punkte. Es graut einen, wenn man diese Zahlen sieht. Doch es ist wichtig, sie anzuschauen.

Eine solche Situation geht alle etwas an: Betroffene, Angehörige. Pflegende. Verantwortliche aus Regierung und Wirtschaft. Wir leben in einem System. Wir fördern ein System, das Ausgrenzung akzeptiert.

Ob "die Jungen" tatsächlich nicht wollen? Angststörungen verzerren den eigenen Selbstwert, Erwartungen, Kompetenzen und vor allem Perspektiven. Wenn eine Lüge zur gefühlten Wahrheit mutiert, kann niemand seine Gedanken und Gefühle einfach so umprogrammieren - auch Erwachsene können dies nicht!

Viele von den Genannten wünschen sich einen Job. Eigentlich. Aber ohne Arbeitserfahrung? Und noch den letzten Halt verlieren? Dann doch lieber nicht.

Nachwehen aufgrund fehlender Aufarbeitung

Auch wenn die Corona-Pandemie längstens vorbei ist, ist sie es leider immer noch nicht. Stillschweigen bremst die für die Psyche so notwendige Verarbeitung. Viele der heute betroffenen Jugendlichen waren damals Kinder. Ein Grossteil der Startphase für die Gestaltung der individuellen Persönlichkeit eines Menschen wurde geprägt durch zum Teil harte Corona-Lockdowns.

In Sachen Persönlichkeitsentwicklung ist dies vergleichbar mit der Betätigung der Pausentaste in der Lebensgeschichte, die nur eines will: Entdecken und Erleben.

Corona war für unsere Psyche wie eine Geburt ohne Schwangerschaftszeit und so bleiben uns jetzt die Tatsachen und Nachwehen. Mit dem Resultat, dass psychische Erkrankungen, besonders bei den Kindern und Jugendlichen, zunehmen. Als einen der weiteren Gründe erachte ich die zunehmende Individualisierung.

Massnahmen: Peitsche und Zuckerbrot

Alles was Mehrkosten verursacht, nehmen wir wahr. Das ist auch richtig so. Gesundheitskosten - und hier verbrüdern wir Schweizer uns gerne mit den anderen Ländern - müssen im Lot bleiben. Dürfen nicht explodieren.

England löst es so: Unter 22-Jährige sollen möglichst keine Rente mehr beziehen können. Gleichzeitig sollen Invalide die Möglichkeit erhalten, einen Job auf Probezeit zu testen. Dieser Test verhindert, dass sie ihre Rente aufs Spiel setzen.

Druck und Unterstützung oder Peitsche und Zuckerbrot?

Wiedereingliederung gilt als eine der besten Massnahmen, um den Lebenswillen wieder zu wecken. Die Individualpsychologie lehrt uns, dass alle Menschen einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten wollen. Und wer demoralisiert ist, braucht in erster Linie Ermutigung.

Finanzielle Sicherheit bedeutet nicht zwingend, dass jemand nicht arbeiten will. Sondern, dass er oder sie nicht das letzte Quäntchen Hoffnung verliert.

2. Entwicklungen im Gesundheitswesen

Es ist kein Geheimnis, dass (nicht nur) das Gesundheitswesen gerade massiv umgekrempelt wird. Hauptthema sind die Kosten und die Fachkräfte - also eine potenzielle Widersprüchlichkeit. Denn Fachkräfte kosten Geld und eine Kostensenkung bedeutet, bei den Löhnen zu sparen, was auf Fachkräfte alles andere als anziehend wirkt. Gleichzeitig sollen Gesundheitsbetriebe gewinnbringend werden.

Wo fehlt uns der Blick für die Realität? Müssen wir uns von technischen Weiterentwicklungen, hohen wirtschaftlichen Zielen und unrealistischen Terminplänen wirklich stressen lassen? Geht es nicht um die Frage, wie viel Ressourcen wir haben und wie wir möglichst viele Menschen in eine Arbeit eingliedern können, mit der sie ihren Lebensunterhalt finanzieren können?

Um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, werden in Gesundheitsbetrieben Betten-Belegungszahlen als Ziele vorausgesetzt, die oft von Menschen mit Controlling-Ausbildungen erstellt wurden. Ohne Rücksprache mit den Pflegenden an der Basis. Anders ausgedrückt: Ohne Rücksprache mit der Wirklichkeit, die so ganz anders ist als nackte Zahlen auf dem Papier.

Und so wird das Gesundheitswesen krank geschrumpft zugunsten von wenigen Gewinnern. Patienten müssen länger warten und werden noch kränker oder wählen den Weg "Todesfälle aus Verzweiflung", wie es in England genannt wird und leider nach Corona deutlich zugenommen hat.

Lösungsansatz persönliche Prävention

Natürlich habe ich keine Antwort bereit. Zu komplex ist das Gesundheitswesen, als dass es da schnelle Lösungen gäbe. Und trotzdem habe ich zumindest eine Frage, die ich bei mir wichtig scheinenden Entscheidungen jeweils stelle.

Wenn ich auf dem Sterbebett liege, was würde ich mir dann wünschen, es in meinem Leben getan zu haben?

Diese Frage hilft mir, mich nicht am Wohlstand zu orientieren, sondern an wichtigen Werten wie Beziehungspflege, Selbstfürsorge, Empathie etc. Damit verändere ich sicher keine verzerrten Ziele im Gesundheitswesen, doch

ich kann meiner Psyche besser Sorge tragen, schaffe "kraftspendende Inseln" und senke damit die Wahrscheinlichkeit, im psychischen Hamsterrad und in einer Warteschlange zu landen.

Am Ende ist es für mich wichtig, meine Werte ernst genommen und mich dafür eingesetzt zu haben.

Gelebte Werte führen Menschen zusammen und machen das Leben wertvoll. Es ist ein Ansatz, der im Stillen wirkt. Zumindest am Anfang ...

12.6.2025, Andreas Räber, Enneagramm Trainer Cp, Wetzikon