Endlich die Kosten des Gesundheitswesens in den Griff bekommen!
Die Krankenkassenprämien steigen jedes Jahr. Alle regen sich darüber auf, viele kommen in ernsthafte Schwierigkeiten - und doch kriegen wir sie einfach nicht in den Griff. Medien berichten über Statements aus der Politik, von Krankenkassen und auch von Ärzten und Pflegepersonen - die die wertvollsten aller Feedbacks und Denkansätze liefern und doch so wenig Gehör finden. Doch die Praxis lügt nie. Einige dieser Ansätze, wie Kosten gesenkt werden können, im nachfolgenden Text.
Direkt aus der Praxis. Wo die Theorie ihren Meister erlebt. Wo Wählerstimmen keine Bedeutung haben.
Die Praxis im Gesundheitswesen ist «fadegrad». Hier entscheiden Sekunden, Millimeter, Sauberkeit, Wissen und Technik über Leben und Tod. Hier finden oft der erste und auch der letzte Atemzug statt.
Alles andere ist in diesen Momenten völlig nebensächlich! Und das ist auch richtig so.
Was läuft im Gesundheitswesen falsch?
Diese Frage stellte die Aargauer Zeitung (Link auf https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/interview-ueberbordende-buerokratie-fehlanreize-und-fachkraeftemangel-im-gesundheitswesen-muessen-wir-den-radikalen-umbau-wagen-ld.2796196) Andreas Kistler, dem Chefarzt für Innere Medizin an einem Schweizer Spital. Er hat sich intensiv mit dem aktuellen Gesundheitswesen auseinandergesetzt und ein Buch darüber geschrieben. Nachfolgend einige Themen aus diesem Interview, ergänzt mit zusätzlichen Infos.
Falscher Fokus
Aus Kistlers Sicht liegt der Fokus zu stark auf den Kosten. In der Folge entstehen immer mehr gesetzliche Auflagen und Budgetziele, ergänzt mit politischen Diskussionen, wo das nötige Wissen über den medizinischen Praxisalltag deutlich fehlt.
Wo nach Schuldigen gesucht wird, geht oft das eigentlichen Ziel, der eigentliche Auftrag völlig verloren. «Gefundene Schuldige» geben uns leider das irrtümliche Gefühl, etwas wäre geklärt, was in den meisten Fällen nicht stimmt.
Der Fokus auf einzelne Schuldige verzerrt die eigentlichen Probleme. «Schuldige» sind immer ein Teil eines Systems. Ein System besteht aus Menschen, Zielen, Abläufen, Kompetenzen etc.
Falsche Ansätze
Freie Marktwirtschaft wird von Angebot, Nachfrage und Preis beeinflusst. Sehr oft geht es um den günstigsten Preis. Im Gesundheitswesen funktioniert das jedoch schlecht. Hier existiert eine Dreiecksbeziehung zwischen Patienten, Krankenkassen und Leistungserbringern.
Marktwirtschaft und Gesundheitswesen geht nicht!
Lösungsansätze
Ein ganz wichtiger Punkt wäre, die Mitarbeiterfluktuation zu senken und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Was das mit den Kosten zu tun hat? Auf den ersten Blick mag das keinen Zusammenhang haben. Doch neue Mitarbeiter kosten viel Geld. Teamintegration ist immer aufwändig. Man geht von bis zu einem Jahr oder auch mehr aus, bis sich jemand wirklich eingearbeitet hat.
Ein anderer wichtiger Lösungsansatz ist die Senkung von Administrationsarbeiten. Schnell kommt der Gedanke auf, mehr Angelegenheiten zentral zu regeln, damit das Pflegepersonal entlastet wird. Es geht darum, das System massiv zu entlasten.
Dieses Bedürfnis ist verständlich. Andreas Kistler zählt einige Aufgaben auf, die für den laufenden Betrieb belastend sind:
● Kodiererinnen erfassen sämtliche Leistungen aller Patenten, um für die Spitäler möglichst hohe Fallpauschalen zu generieren.
● Personal, das Rückfragen der Krankenkassen beantwortet und Begründungen schreibt.
● Neue Voraussetzungen brauchen neue Arbeitsgruppen und noch mehr Controller. Die Qualitätsverbesserung erfordert Kommissionen, Qualitätsverträge, Zertifikate und Qualitätsmanager.
Hauptproblematik: Fallzahlen und Administration
Spitäler werden an den jeweiligen Fallzahlen gemessen. Aus diesem Grund wollen sie möglichst viele Leistungen anbieten. Um Fallzahlen belegen zu können, braucht es eine entsprechende Administration. Zudem muss in Werbung, Marketing und Kommunikation investiert werden – mit dem Ziel rentabel zu sein.
Rentabel sein geht nur, wenn genügend Leistungen umgesetzt werden können. Und so werden gegenseitig Patienten abgeworben, durch mehr Leistungen oder Sicherheiten.
Als Patient fragt man sich bei solchen Voraussetzungen schon: Ist meine Operation wirklich nötig? Ein gewisses Misstrauen scheint nicht übertrieben zu sein.
Ebenfalls müssen die Kosten überwacht werden. Das finanzielle Fiasko schadet uns als Gesellschaft.
Werkzeuge fallen lassen, austreten und die Situation neu beurteilen
Kürzlich erzählte mir ein Osteopath, dass ein Patient im Spital für eine Hüftgelenkoperation angemeldet war. Der Osteopath sah sich das Gelenk genauer an – und noch etwas mehr. Und stellte fest, dass das eigentliche Problem das Knie war. Die OP wurde daraufhin umgebucht.
Dieses Beispiel zeigt das Problem einseitiger Fokussierung und Betriebsblindheit auf.
Manchmal müssen wir die Werkzeuge hinlegen. Unsere Ideen und Beweggründe hinterfragen. Niemand benutzt eine Drahtbürste zum Zähneputzen. Genauso wenig kann unser Gesundheitswesen nach Marktregeln geführt werden. Die Zähne jedoch müssen geputzt werden.
Dafür braucht es vor allem Praxiswissen und -orientierung. Realistische Ziele und vielleicht sogar eine – dem Gesundheitswesen mit seinen Möglichkeiten angepasste – neue Definition von «Gewinn».
2.10.2025, Andreas Räber, Enneagramm Trainer Cp, Wetzikon