Das Gesundheitswesen und die harzende Digitalisierung
Wir schreiben das Jahr 2025. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Digitalisierung vollumfänglich in unseren Alltag eingenistet. Wir machen schöne und schwierige Erfahrungen damit. 25 Jahre Zeit genug also, um diese neue Welt kennenzulernen und sie in unserem Leben zu nutzen. Doch das ist nicht immer so einfach. Die Schweizer Bevölkerung und darunter auch Gesundheitsfachpersonen zeigen immer noch eine gewisse Skepsis. Insbesondere im Gesundheitswesen ist dieses Misstrauen nachvollziehbar, denn hier wird mit äusserst vertraulichen Daten gearbeitet.
Es täte unserem Gesundheitswesen so was von gut, wenn mit der Digitalität Arbeitsabläufe vereinfacht, und Zeit und Kosten eingespart werden könnten. Endlich etwas ruhiger arbeiten können und nicht immer so gehetzt sein– und das vielleicht sogar ohne Überzeit.
Zeitgewinn wäre bei schwerwiegenden Krankheitsverläufen oder Unfällen so wichtig. Der Zugriff auf Patientendaten, vielleicht sogar von künstlicher Intelligenz zusammengefasst: So sollten doch schnelle und richtige Entscheidungen möglich sein.
Wunschdenken und Marketing kreieren gerne eine einfachere Welt, der jedoch oft die Praxiserfahrung fehlt.
Laut dem Swiss eHealth-Barometer 2025 stehen die Schweizer Bevölkerung und die Akteure im Gesundheitswesen der Digitalisierung mit gemischten Gefühlen gegenüber (Quelle: «Digitalisierung im Gesundheitswesen stösst auf gemischte Gefühle» der Netzwoche.ch - 15.4. 2025 https://www.netzwoche.ch/news/2025-04-15/digitalisierung-im-gesundheitswesen-stoesst-auf-gemischte-gefuehle).
Bedenken vor dem, was sein könnte
Phobisches Denken wie «Was alles sein könnte» kann uns daran hindern, Schritte ins Neue, ins Ungewisse zu wagen. In Bezug auf die Digitalisierung und künstliche Intelligenz hat uns die Vergangenheit jedoch gelehrt, dass auch als sicher geltende Firmen oder Systeme von Menschen mit kriminellem Hintergrund gehackt wurden.
- Warum also vertrauen?
- Warum seine persönlichen Daten in einem elektronischen Patientendossier erfassen?
- Was ist, wenn diese Daten in die falschen Hände geraten?
- Wer hat Zugriff auf meine Daten?
Laut Barometer würden 83 % der Umfrage Ärzten vertrauen. Bei privaten Unternehmen sind es nur 68 %.
Wo liegen die Möglichkeiten, um das Vertrauen zu steigern?
Akzeptanz durch Nutzung
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen öffnet viele Möglichkeiten. Doch nicht alle machen gleich viel Sinn. Obendrein können zu viele Möglichkeiten auch zu mehr Missbrauch führen.
Wird bereits mit einem Tool wie zum Beispiel der elektronischen Krankengeschichte (eKG) gearbeitet, ist die Akzeptanz besser. Doch es braucht weitere Schritte. Zum Beispiel klare Datenschutzmassnahmen, sichere Technologien und die Möglichkeit, den Nutzen in der Behandlungsqualität selbst zu erleben.
Es ist unsere Psyche, die das Tempo bestimmt. Diese braucht Wissen, Vertrauen und positive Erfahrungen.
Doch ist die Geräte- und Cybersicherheit laut NZZ Artikel «Mangelnde Datensicherheit und überlastetes Personal schwächen das Gesundheitswesen» (Link https://www.nzz.ch/schweiz/mangelnde-datensicherheit-und-ueberlastetes-personal-schwaechen-das-gesundheitswesen-ld.1860973) nicht überall gewährleistet.
Von der technologischen Entwicklung überrannt
Die zunehmende Technologisierung verändert unseren Lebens- und Berufsalltag fortlaufend. Auch im Gesundheitswesen. Moderne Geräte und Software ermöglichen genauere Analysen und Diagnosen. Im Grunde genommen eine gute Entwicklung. Und jedes Jahr kommen wieder neue dazu.
Mit den Möglichkeiten nimmt auch das Tempo zu. Zumindest bei der Technologie. Dem Menschen hingegen sind hier klare Grenzen gesetzt.
Dauerhaft unter Zeitdruck zu arbeiten, reduziert die Flexibilität und die Lernbereitschaft und verhindert so auch den überaus wichtigen Vertrauensaufbau. Vertrauen lässt sich nicht (be)drängen! Sind die Bedingungen gegeben, wächst es von selbst.
Müssen Müssen kann man immer vorgeben. Können Können geht irgendwann nicht mehr.
Das Gesundheitswesen lebt von Menschen. Vom Hören und gehört werden. Vom Wahrnehmen und von Rücksicht auf die natürlichen Grenzen. Dieser Kernwahrheit darf nicht auf Kosten von unrealistischen Forderungen seitens des Controllings verloren gehen!
Wir brauchen mehr Zeit
Neuerungen brauchen immer eine gewisse Zeit. Und markante noch etwas länger. Die Digitalisierung hat unser Leben neu definiert. Sie hat sehr viel Konstruktives gebracht, allerdings auch sehr viele schwierige Herausforderungen.
Nicht nur unsere Psyche wurde überrannt, auch die Gesetzgebung.
Das Internet ist eine ausgeprägt vernetzte Welt, die nichts vergisst. Löschungsanträge mögen beim einem Anbieter erfolgreich sein, doch bis es wirklich zur Löschung kommt, haben auch andere die sensiblen Daten schon erfasst.
Damit wir uns auf die digitalen Möglichkeiten einlassen können, braucht es mehr Sicherheit, mehr Wissen und mehr Erfahrungen, dass diese Sicherheit auch wirklich gewährleistet ist.
Die alleinige Verantwortung für Daten den jeweiligen Menschen zu übergeben, geht nicht auf. Nur schon deshalb, weil die wenigsten von uns es sich antun, die schwer lesbaren AGBs zu checken. Wir klicken einfach weiter und hoffen, dass nichts passiert.
Digitalität ist ernst zu nehmen, wenn wir uns sicher mit ihr bewegen wollen.