Gründe für Fluktuationen in der Pflege

Laut dem Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, fehlen in der Schweiz 11'000 Pflege-Fachkräfte. Dieser Fachkräftemangel wird sich bis 2029 noch verschärfen. Das Gesundheitspersonal ist müde und ausgelaugt. Während für viele Covid schon «Geschichte ist», müssen im Gesundheitswesen viele Untersuchungen und Operationen nachgeholt werden. Der SBK weist darum darauf hin, dass Massnahmen zum Personalerhalt wichtiger denn je sind. Mehr über die Gründe von Fluktuationen in der Pflege und was man dagegen tun kann erfahren Sie in diesem Artikel.

Es ist die Zeit «nach Covid». Endlich wieder ohne Maske unterwegs sein und sich mit Freunden in der Beiz treffen können. Der Stress ist vorbei. Nicht so für das Gesundheitswesen. Denn viele OPs mussten verschoben und demnach heute dringlich nachgeholt werden. Der Alltagsstress für Ärztinnen und Ärzte, für alle Spezialisten und für das Pflegepersonal geht weiter? im Hintergrund und nach aussen nicht unbedingt sichtbar.

Wie es sich wohl anfühlt, für Menschenleben zu kämpfen und in der breiten Öffentlichkeit wenig Anerkennung für diesen Einsatz zu spüren?

Wo Betroffene sich nicht gehört und in der Folge nicht ernst genommen fühlen, handeln sie selbst. Es kommt zu Kündigungen und damit zu einer Schwächung unseres Gesundheitssystems.

Sich selbst zu schützen ist eine wichtige und gerechtfertigte Massnahme.

Es sind Signale, denen mittelfristig enorme Herausforderungen folgen.

Ursachen für die hohe Personalfluktuation in der Pflege

Im Voraus muss erwähnt werden, dass alle Menschen Grundbedürfnisse haben. Dazu gehört der Wunsch nach Sicherheit und nach Anerkennung. Einen sicheren Job zu haben, entlastet schon mal. Dann geht es jedoch um Werte, die insbesondere im Stress missachtet und verloren gehen. Dazu gehört Anerkennung.

Kleines Lob mit grosser Wirkung. Das Gefühl, gesehen, gehört, ernst genommen und geschätzt zu werden.

Menschen können viel leisten, wenn ihre Bedürfnisse anerkannt und berücksichtigt werden. Ist dies nicht Fall, beginnt die Entmutigung und schliesslich kommt es zur Kündigung.

Nachfolgend eine Liste mit bekannten Gründen, warum Pflegekräfte sich gegen den Pflegeberuf entscheiden:

  • Unregelmässige Arbeitszeiten erfordern ein flexibles soziales Umfeld. Hier ist sicher ein grosses Verständnis vorhanden, doch auch dieses endet irgendwann. Zumal man sich als Mitarbeitende im Gesundheitswesen nicht immer rechtfertigen will, warum schon wieder ein Arbeitseinsatz ansteht.
  • Wo Krankheit ist, besteht die Gefahr einer Ansteckung. Nirgendwo ist die Gefahr für eine Ansteckung so hoch wie im Gesundheitswesen. Manchmal braucht es ganz wenig, damit die Fehlzeiten sprunghaft steigen. Dies führt wiederum zu einer grossen Belastung des verbliebenen Gesundheitspersonals.
  • Grosses Wissen, viel Erfahrung und eine hohe Flexibilität führen in der Regel zu einer besseren Bezahlung und Wertschätzung. Das ist im Gesundheitswesen noch nicht selbstverständlich.
  • Befristete Verträge behindern die Einsatzbereitschaft, sie wirken als Störfaktor für Motivation und Vertrauensaufbau.

Bedeutung der Fluktuation

Fluktuation hat Folgen:

Die durchschnittliche Berufsverweildauer liegt bei circa sieben Jahren. Manche Stellen können schnell besetzt werden, doch bis jemand richtig eingearbeitet ist, kann es bis zu einem Jahr dauern.

Insbesondere in Berufen, wo schnell gehandelt werden muss und wo Flexibilität zum Daily Business gehört, wird Personalfluktuation zur Dauerherausforderung.

Es ist wie ein Virus. Unsichtbar, aber belastend und kräftezehrend. Es bedeutet mehr Unsicherheiten und darum auch mehr Aufwand.

Was man gegen Fluktuationen tun kann

Die einfachen Jobs

  • Der Mensch ist dort schnell und sicher, wo er möglichst gleiche Abläufe und klare Vorgaben hat.
  • Eine offene, klare und sachbezogene Kommunikation ist das Nonplusultra, um im Team interaktiv erfolgreich zu sein. Hier gilt es, menschliche Vorbehalte zurückzustellen. Im Fokus stehen Patienten, Lösungsansätze und Ziele.
  • Einfache Pflegemassnahmen und Gesundheitschecks können mit Checklisten erlernt und durchgeführt werden.
  • Solche einfachen Aufgaben können auch durch externe, temporäre Poolmitarbeiterinnen getätigt werden.

Spezialisten

  • Auch bei den spezialisierten Mitarbeitenden steht eine klare Kommunikation an erster Stelle. Missverständnisse und zwischenmenschliche Reibungsflächen sind so gut wie möglich zu verhindern. Denn Beziehungsprobleme sind oftmals die Hauptgründe, warum Fehler passieren.
  • Nachfolge und Weiterbildung laufend fördern. Dies mit möglichst schneller, fachlich begleiteter Praxiseinführung und zunehmender Praxiserfahrung. So sinkt das Risiko für Ausfälle und der Handlungsspielraum steigt.

Braucht es Zusatzangebote?

Gutscheine fürs Fitnesscenter, Kinderkrippe, spezielle Erholungsoasen am Arbeitsort - sie gehören zu den wirksamen Mitteln, um die Personalfluktuation zu senken.

Doch im Grund genommen geht es um die Planbarkeit des eigenen sozialen Lebens. Darum, den für andere Berufsgruppen selbstverständlichen privaten Lebensbereich einigermassen planen und leben zu können.

Ständiges Verfügt werden, wenn auch lukrativ bezahlt, fördert den Stress. Dieser wiederum lähmt nicht nur den Bezug zum sozialen Umfeld, sondern auch zu sich selbst. Die Negativspirale ist programmiert. Niemand kann und will bis zum letzten Atemzug arbeiten oder aus beruflichen Gründen sein soziales Umfeld immer mehr verlieren.

Es geht um gelebten Respekt durch Politik, Aktionäre, Vorgesetzte und durch die breite Öffentlichkeit.

Applaus ist das eine. Er erfordert jedoch eine respektvolle und wertschätzende Haltung gegenüber dem Gesundheitspersonal und vulnerablen Menschen.

17.1.2023, Andreas Räber, GPI®-Coach, Wetzikon